I. Nickenich im Rahmen der allgemeinen Landesgeschichte

1. Die Siedlung Nickenich zur Kelten-, Römer- und Frankenzeit

Die Darstellung der Geschichte eines jeden Ortes muß von der ersten menschlichen Besiedelung des Ortsbereiches ihren Ausgang nehmen. Mit der Ansiedelung (Seßhaftmachung) eines oder mehrerer Menschen beginnt das Werden des späteren Ortes; das Wachsen der Familie bedingt die Ausdehnung des Siedlungsbezirkes, und so entsteht nach und nach ein Gemeinwesen, ein Dorf, eine Stadt. Keine Urkunde, keine Schrift gibt uns von der ältesten Siedlungsgeschichte Kunde; bei ihrer Erforschung ist man vielmehr ausschließlich auf die Ausgrabungsfunde, die zuverlässigsten Zeugen der Vergangenheit, und auf Rückschlüsse an Hand der Flur und Ortsnamen angewiesen. Dabei darf der Forscher natürlich die für die Umgegend feststehenden Ergebnisse der vorgeschichtlichen Forschung mit heranziehen, um die Siedelungsgeschichte des eigenen Ortes zu klären.

Aus diesen einleitenden Gedanken ergibt sich ohne weiteres, daß man das Alter Nickenichs nicht einfach mit einer festen Zahl von Jahren angeben kann. Unsere Aufgabe ist es, den ältesten Spuren menschlicher Siedelungstiitigkeic im Ortsbanne nachzugehen bis zu der Zeit, da wir Nickenich als geschlossenes Gemeinwesen, als Dorf, ansprechen können, was spatetens im 10. Jahrhundert der Fall sein dürfte.

Unsere Heimatgegend gehört anerkanntermaßen zu den frühest besiedelten in deutschen Landen. Hat man doch für die sogen. ältere Steinzeit, also mehr als 3000 Jahre vor Christi Geburt, auf dem Martinsberge bei Andernach Überreste menschlicher Niederlassungen feststellen können, die dann durch den Bimssandauswurf der damals noch tätigen Laacher Vulkane vernichtet wurden. Nach einer durch diese Vulkanausbrüche verursachten Siedelungslücke finden wir in der jüngeren Steinzeit (etwa um 2000 v. Chr.) abermals menschliche Siedelungen in unserer Gegend. Wichtige Ausgrabungsfunde aus Andernach, Plaidt und Mayen geben uns Aufschluß über jene Periode. In Erdhöhlen, die mit Flechtwerk und Lehm überdacht und gedeckt waren, hausten die Menschen jener Zeit. Durch Viehzucht, Jagd und Fischerei, welch' letztere sie von primitiven Kähnen, sogen. Einbäumen (1) (ausgehöhlten Baumstämmen) aus betrieben, gewannen sie den Lebensunterhalt; auch den Ackerbau kannten sie schon, wenn auch in der einfachsten Form. Das Eisen war ihnen noch fremd. Steinbeile, die ihrer Zeit den Namen gaben, waren neben steinernen Pfeilsitzen ihre einzige Waffe und Werkzeug. Wohl aber war ihnen bereits die Töpferkunst bekannt. Mit der Hand - erst später erfanden sie die Töpferscheibe - formten sie sich Teller und Töpfe, zierten sie mit Zickzackbändern und Spiralmustern und brannten sie im Feuer hart. Ihre Toten bestatteten die Menschen jener Zeit in der sogen. Hockerstellung, d. h. mit bis an das Kinn angezogenen Beinen.

Obzwar sich sichere Spuren steinzeitlicher Siedelungen bislang im Nickenicher Ortsbanne noch nicht haben finden lassen, ist das Vorhandensein solcher im Hinblick auf die in der Umgegend gemachten Funde nicht ausgeschlossen. Das gleiche gilt für die sogen. Bronzezeit (etwa um 1000 v. Chr.), die ihren Namen nach der Erfindung der Bronze, einer Mischung aus Kupfer und Zinn, trägt. Ein prachtvolles bronzenes Doppelbeil aus Kottenheim bewahrt das Provinzialmuseum zu Bonn neben Tongefäßen der Bronzezeit aus Urmitz und Saffig.

Die ältesten Bewohner unserer Heimatgegend waren vielleicht Ligurer, an deren Namen noch heute die italienische Provinz Ligurien erinnert. Deren Herrschaft wurde etwa um das Jahr 700 von dem Volke der Kelten abgelöst. Die Kelten, ein indogermanisches Volk, standen schon damals auf einer hohen Kulturstufe. Ihr Reich erstreckte sich über das ganze römische Gallien (Frankreich einschließlich des linken Rheinufers und Oberitalien), auch auf weiten Strecken des rechtsrheinischen Deutschland waren sie ansässig. Mit der Besitznahme unserer Heimat durch die Kelten ist die Erfindung des Eisens etwa gleichzeitig, die Eisenzeit löst allmählich die Bronzezeit ab. Charakteristisch für die Keltenzeit sind die Brandgräber, die an die Stelle der Hockergräber treten; doch fehlt daneben auch nicht die Erdbestattung. Eins solches Brandgrab aus der Keltenzeit hat sich kürzlich (Juni 1925) auch in der Nickenicher Gemarkung in der Flur "am Rodenkreuz" gefunden. Eine ganze Reihe von Scherbenresten kam dabei zum Vorschein, die der Hallstattzeit angehören dürften. Eisen war in dem Grabe nicht enthalten. Die Funde kamen ins Wallraf-Richartz-Museum nach Köln.

Den betriebsamen und gewerbefleißigen Kelten verdankt sowohl Frankreich wie unsere Heimat eine bedeutende Verdichtung der Siedelungen. Besonders führt man die auf "ich" u. "ach" endenden Ortsnamen auf ihre Zeit zurück. Meistens ist diese Endung, die einst "acum" lautete und etwa Siedelung bedeutete, mit einem Personennamen verbunden. So wird die Ortsbezeichnung Nickenich auf die Urform "Nigidiacum" zurückgehen, in der der Personenname Nigid(i)us steckt. Nickenich bedeutet also einfach "Siedelung des Nigid(i)us". Zu der wiederhergestellten Worturform "Nigidiacum" passen trefflich die ältesten urkundlich bezeugten Schreibweisen für Nickenich, nämlich: Nikedich (1163), Nikedich, Nekedich u. a. Die älteste Schreibform für Nickenich "Nehtenis", die sich in einer zu Rom geschriebenen Urkunde findet, ist dabei ohne Belang, da die Urkunde wohl von einem der deutschen Sprache fremden Schreiber geschrieben wurde. Allerdings muß an dieser Stelle erwähnt werden, daß auch römische Personennamen in den auf "acum" endenden Ortsnamen enthalten, die Orte ale römische Ursprungs sein können. Wenn nun auch im benachbarten Brohltal der Grabstein eines römischen Soldaten namens Nigidius gefunden wurde, den man mit dem Ortsnamen Nickenich in Verbindung gebracht hat, so spricht doch die Mehrzahl der Fachleute Nickenich als keltische Siedlung an, eine Annahme, die durch den Grabfund im Nickenicher Banne bestätigt wird.

Der Herrschaft der Kelten, deren Nachkommen heute nur noch in der französischen Bretagne, den spanischen Pyrenäen (Basken) und in der englischen Landschaft Wales weiterleben, machte in den Jahren 58-52 Chr. der große römiche Feldherr Gajus Julius Caesar ein Ende. Der Rhein wurde die Grenze gegen die germanischen Stämme, die auf dem rechten Rheinufer wohnten und deren kriegerische Scharen schon mehrfach den Strom überschiitten und sich mit der keltischen Bevölkerung vermischt hatten. Hatte schon Caesar zweimal im Neuwieder Becken den Rhein überschritten, so unternahmen in den Jahren 12-9 v. Chr. die römischen Feldherren Tiberius (der spätere Kaiser: 14-37 n. Chr.) und Drusus große Eroberungszüge ins rechtsrheinische Germanien bis zur Elbe. Doch dann brachte der große Sieg unseres Nationalhelden Hermann (Arminius) in der Schlacht im Teutoburger Walde über den römischen Feldherrn Quintilius Varus (9 n. Chr.) das Vordringen der Römer zum Stillstande, wenn auch in den Jahren 14-16 der Feldherr Germanicus noch einmal bis zum Schauplatze der römischen Niederlage vordringen konnte. Nur einige Brückenköpfe auf dem rechten Rheinufer hielt Rom in seiner Hand, so die Kastelle Andernach, Bendorf, Heddesdorf, Koblenz und Niederberg bei Ehrenbreitstein. Das System der festen Kastelle wurde ausgedehnt und, unter Kaiser Domitian (81-96) beginnend, eine Schutzgrenze (Limes), zwischen dem Römerreiche und den Germanen geschaffen, die, ursprünglich eine einfache Waldschneise, später durch Graben, Palisaden und Wachtürme gesichert wurde. Dieser Limes führte, bei Hönningen am Rhein anfangend, über den Westerwald und Taunus bis Homburg v. d. Höhe (Kastell Saalburg) und zog sich dann südlich bis Lorch (Württemberg), endlich östlich bis Regensburg. Im 3. Jahrhundert vermochte Rom auch diese Limeslinie nicht mehr zu halten. 259 fiel das letzte Kastell Niederbieber in die Hände der Germanen und nun blieb der Rhein römisch-germanische Grenze bis zur Mitte des 5. Jahrhunderts, in dem die Römerherrschaft der der Franken weichen mußte.

Das linksrheinische Gebiet war von den Römern unter Kaiser Tiberius (14-37) in zwei Teile geteilt worden, die Ober- und Niedergermanien hießen. Die Grenze beider Provinzen bildete der bei Niederbreisig am Rhein, Hönningen gegenüber, mündende Vinxtbach (Grenzbach), der auch in der Folgezeit, wie wir noch sehen werden, politische und kirchliche Grenze (auch Dialektgrenze) lange Zeit geblieben ist. Die militärische Zentrale der beiden Provinzen war Mainz bzw. Köln (Xanten), der Generalfinanzverwalter hatte seinen Sitz in Trier, das seit 286 auch Residenz der römischen Kaiser war.

Die keltische Siedelung Nickenich, in der römischen Provinz Obergermanien gelegen, hat auch zur Römerzeit fortbestanden. Der wichtigste Überrest aus jener Zeit fand sich im Orte bei dem Baue der neuen Kirche im Jahre 1842. Man entdeckte eine große römische Villa (Landhaus) mit ausgedehnten Nebenanlagen, u. a. auch einem Bade. Einige Ziegelreste von derselben finden sich noch heute in dem Glockenturme eingemauert.

Ziegelfunde wurden auch in der Flur "Eepoel" in der Nahe der mutmaßlichen Areschen Burg (S. 13) gemacht, vielleicht haben wir es auch hier mit einer römischen Villa zu tun. Römersiedelungen kann man wegen der Bezeichnung wohl vermuten im sogen. "Heidental" und auf der "Galgengasse", wo 1615 urkundlich ein "Heidengarten" erwähnt wird. Außer diesen Villen, in denen wir Sitze romanisierter keltischer oder germanischer Großgrundbesitzer zu sehen haben, wurden auch noch römische Münzfunde in der Flur "im Kirchsbergsgarten", "im Acker" und bei der Neuanlage des Sportplatzes "am steinigen Born" gemacht.

Der Römerherrschaft bzw. der römischen Kultur hat unsere Gegend viel zu verdanken. Der Landausbau wurde von ihnen gefördert; der Nickenicher Flurname "im Plentzer" (vom lateinischen "plantarium" - Pflanzgarten) mag in jene Zeit zurückgehen (2). Im Brohltale wie in Kretz und Kruft beuteten die Römer bereits die Tuffsteingruben aus, legten also den Grundstein zur heutigen Industrie. Wie sehr die römische Kultur in späterer Zeit lebendig blieb, das beweisen die vielen lateinischen Lehnwörter, die ins Deutsche übergingen (z. B.: Ziegel, Mauer, Keller, Winzer, Wein, Birne, Küche, Schüssel, Kelch, Pfund, Anker, Zins usw.).

Zu Anfang des 5. Jahrhunderts war das innerlich morsche Römerreich nicht mehr im Stande, dem andauernden Drängen der landbedürftigen Germanen gegenüber die Rheingrenze zu halten. Die Franken ergossen sich über den Rhein, nahmen unsere Gegend in Besitz und dehnten im Laufe des 5. Jahrhunderts ihre Herrschaft bis weit ins spätere Frankreich aus. Chlodwig, der Frankenkönig, einte die verschiedenen Zweige der Franken unter seinem Zepter. Durch seine Siege über den römischen Statthalter Syagrius (486), die Alemannen (496), Burgunder (500) und Westgoten (507) schuf er das fränkische Großreich, dessen Hauptstädte Metz, Orleans, Paris und Soissons waren. Die Söhne Chiodwigs machten noch einige Eroberungen, ihre Nachfolger waren jedoch unfähige Herrscher, unter denen die Regierung in Händen der sog. Hausmeier lag. Dieses Amt hatte im östlichem Teile des Reiches Austrasien) das Geschlecht der Pippiniden inne, eine Familie, deren Eigengut vorzüglich im deutschen Sprachgebiet lag und das seine Grabstätte im Kloster Prüm hatte. Besonderen Machtzuwachs gewann das Geschlecht durch die Verbindung mit dem der Arnulfinger von Metz, die durch die Vermählung Ansegisels, des Sohnes des hl. Bischof Arnulf von Metz (Siehe II 4.). mit Begga, der Tochter Pippins von Landen, zustande kam. Auf dieses Ehepaar geht das Haus der Karolinger zurück. 687 machte sich Pippin der Mittlere zum Hausmeier auch des Westreiches (Neustrien), 751 endlich Pippin der Jüngere, der Vater Karls des Großen, nach Absetzung des letzten Merovingers Childerich Ill, zum Könige des Frankenreiches.

Mit den Franken kam zu der keltisch-römischen Kultur unserer Heimat die germanische hinzu. Die Frankenzeit brachte in Nickenich eine bedeutende Verdichtung der Siedelungen mit sich. Das beweisen die überaus zahlreichen Gräberfunde im Ortsbanne, die aus jener Zeit stammen. In unser aller Erinnerung ist noch die Aufdeckung des großen fränkischen Gräberfeldes, auf das man bei der Anlegung der Landstraße nach Andernach (1911) in der Flur "auf Wahlen" gestoßen war. Reihenweise lag hier eine große Zahl von Kriegern bestattet. In den Gräbern fand man neben Waffen, breiten eisernen Lang- und Hiebschwertern (spatha und gramasahs), und Schmuckgegenständen auch Ton- und Glasgefäße, von denen die Abbildungen (s. Tafel) einen Begriff vermitteln. Die Fundstücke befinden sich heute meist im Provinzalmuseum zu Bonn, einige auch im Kölner Wallraf-Richartz-Museum und in Privathänden. Weitere fränkische Töpfe kamen im Garten des Herrn A. Görgen mitten im Dorfe zum Vorschein. Am Fuße des "Rodenbergs" im Laacherwege wurden in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein fränkisches Schwert, um dieselbe Zeit an der Ostseite des Laacher Sees im Walde bei einer Weganlage vier kleine und ein großer Topf, vermutlich auch fränkischer Herkunft, ausgegraben. An die fränkische Zeit dürften dann noch zwei Nickenicher Flurbezeichnungen "im Ho(n)sberg" und "im Hönsenacker", erinnern. "Huno" hieß der Vorsteher der fränkischen Hundertschaft, in der unsere Altvordern militärisch organisiert waren. Die sog. "Hundsgasse" im benachbarten Orte Eich dürfte denselben Ursprung haben. Territorial war das Frankenreich in Gaue geteilt, die nach den Hauptorten benannt wurden. Nickenich gehörte zum Mayengau, den wiederum der Vinxtbach von dem Ahrgau trennte. Die Grenze des Mayengaues verlief etwa vom Vinxtbach über die "Hohe Acht", die Nürburg, Kelberg, Alflen, Gillenfeld, Alt- und Ueßbach, Men (rechts der Mosel) bis Winningen und folgte dann links der Mosel bis zum Rhein.

(1) Ein solcher wurde im Laacher See gefunden.

(2) Romanisches Sprachgut enthalten auch die Nickenicher Flur- bezw. Distriktnamen in Weiler" (lat. villare) und "am Kampel" (heute Hotel Waldfrieden am Laacher See, das im 15. Jahrhundert "ad campum" (Feld) heißt).


 
Nickenich in der Pellenz, Seite 7 bis 11 Index Vorherige Seite Nächste Seite

Ein Bibelzitat: Jesus Christus: Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt. [Markus 9, 23]




Links
Christians Software aus Nickenich

www.st-arnulf.de