2. Das Pellenzdorf Nickenich

Ludwig der Fromme, Karls des Großen Sohn, hatte das fränkische Reich vor seinem Tode unter seine Söhne geteilt. Streitigkeiten, die sich jedoch dieserhalb ergaben, führten 843 zum Vertrage von Verdun, durch den die Reichsteilung in Ostfranken, Westfranken und ein Mittelreich, das sich zwischen Rhein, Rhone, Maas und Schelde erstreckte, vollzogen wurde. Herrscher des Mittelreiches, zu dem unsere Gegend gehörte, war Kaiser Lothar I., der bis 855 regierte und als Mönch in Prüm starb. Der rheinische Teil des Mittelreiches ging an seinen Sohn Lothar II. († 869) über, nach welchem er den Namen Lothringen angenommen hat, der sich erst später auf das heutige Land Lothringen übertrug. Lothars II. Tod (869) führte im Vertrag zu Mersen (870) zur Teilung des Landes zwischen Ludwig dem Deutschen (843-76) und Karl dem Kahlen von Westfranken (Frankreich). So kam unsere Heimat zu Ostfranken (Deutschland), nachdem Ludwigs des Deutschen Sohn, Ludwig der Jüngere († 882). das Gebiet durch seinen Sieg über die Westfranken bei Andernach (876) verteidigt hatte.

Kaiser Arnulf von Kärnten (887-99) übertrug Lothringen 895 seinem Sohne Zwentibold. Dieses blieb nun in nur sehr loser Verbindung mit Deutschland. Im Jahre 900 erklärten sich die Großen des Landes zwar für Deutschland, aber schon Reginar von Lothringen und sein Sohn Giselbert schlossen sich wieder Frankreich an. Doch im Jahre 925 wurde Giseibert von Kaiser Heinrich 1. zur Anerkennung der kaiserlichen Oberhoheit gezwungen, und so ist das Jahr 925, dessen tausendjährige Wiederkehr wir in diesem Jahre festlich begehen, ewig denkwürdig für die Zugehörigkeit unserer Heimat zum Deutschen Reiche.

Eine spätere Empörung Giselberts wurde unter Kaiser Otto I. (936-73) im Jahre 939, gleichfalls durch eine Schlacht bei Andernach, wo Giselbert im Rhein ertrank, niedergeschlagen. Im Jahre 953 wurde die Herzogswürde in Lothringen von Otto I. seinem Bruder Bruno, Erzbischof von Köln übertragen. Dieser teilte 959 das Herzogtum in zwei Teile, Ober- und Niederlothringen, und wählte als Grenze die alte Grenze zwischen Ober- und Niedergermanien. Damit gehörte Nickenich zu Oberlothringen. Eine spätere Wiedervereinigung der zwei Herzogtümer (1044) war nicht von langer Dauer; überhaupt bedeutete die Herzogswürde damals nur mehr einen Titel, der Herzog stand nicht mehr über den lokalen geistlichen und weltlichen Gewalten, die allenthalben in unseren Landen aufkamen.

Die uns schon von den Franken her bekannte Einteilung des Landes in Gaue wurde unter Karl dem Großen die Grundlage der Reichsverwaltung. An der Spitze des Gaues stand der Gaugraf, dem die militärische Organisation oblag, der aber auch das Gerichtswesen leitete. Als Gaugrafen im Mayengau werden uns Megingaud (888), Burckhard (905), Berengar (913), Eberhard (925) und Udo (963) genannt. Neben diesen Gaugrafenaber ernannte Otto I. noch sog. Pfalzgrafen, die die Aufgabe hatten, von ihrer Residenz, der Pfalz (vom lateinischen palatium-Palast) aus, die kaiserlichen Rechte im Herzogtum wahrzunehmen. Im Herzogtum Lothringen haue der Pfalzgraf ursprünglich seinen Sitz in Aachen. In der Folgezeit wurden nacheinander Zülpich, Laach, die Pfalz bei Kaub, endlich Heidelberg ihr Sitz. Die Pfalzgrafschaft in Lothringen hatte von 1085-95 der Graf Heinrich von Laach inne, der eine auf der östlichen Seeseite liegende Burg bewohnte.

Er war der Gründer der Abtei Maria-Laach (1093), an deren Kirche die Gräfin Hedwig von Are den Ostchor ca. 1156-77 bauen ließ. Als Untergrafen der Pfalzgrafen von Laach kamen zu Anfang des 12. Jahrhunderts die Grafen von Are und Virneburg auf. Die Grafen von Are hatten anfangs ihren Sitz in Nickenich, wie man aus der Tatsache schließen muß, daß die Gräfin Hedwig von Are ein Schloß in Nickenich bewohnte. Dieses Schloß lebte wahrscheinlich in der späteren kurkölnischen Burg fort, möglich ist aber auch, daß die Are'sche Burg einst oberhalb dieser in der Flur "im Eepoel" lag, wo der Pflug schon oft auf Mauerreste gestoßen ist. (vgl. S. 10)

Nach der Residenz der Pfalzgrafen (bei Rhein) in Laach nahm unsere Gegend den Namen Pellenz an. Lehensinhaber des Pellenzgerichtes von den Pfalzgrafen war der Graf von Virneburg. Es scheint also eine Neuordnung der Herrschaftsbezirke zwischen den beiden Grafengeschlechtern stattgefunden zu haben. An die Are'sche Zeit erinnert noch heute der Nickenicher Distriktsname "im Arefeld" (Wald in der Nähe des Sees). Neben dem Hochgericht haben die Pfalzgrafen und die Virneburger auch Güter in der Pellenz besessen; denn es werden z. B. 1370 die Gebrüder Wilderich und Udo Vilmar, 1428 Dietrich von Staffel vom Pfalzgrafen mit Renten zu Kretz und Nickenich belehnt. 1448 erfolgt die Belehnung Wilhelms von Staffel mit 154 Maltern Korn zu Kretz und Nickenich durch Graf Rupprecht von Virneburg. Ursprünglich unterschied man die vordere und hintere Pellenz, die beide zusammen sich ungefähr mit dem Mayengau gedeckt haben dürften. Zur vorderen Pellenz, die heute allein diesen Namen noch führt, gehörten die Orte Plaidt, Elch, Nickenich, Kretz, Wassenach, Bell. Ettringen, Kottenheim, Betzing, Hausen, Trimbs, Welling, Thür, Niedermendig und die Gehöfte Fressen und Kray. Nach dem Aussterben der Grafen von Virneburg erwarb Kurtrier das ganze Pellenzgericht käuflich von den Pfalzgrafen (1545).

Neben dem Pfalzgrafen bei Rhein bezw. dem Grafen von Virneburg begegnet uns als Grundherrin in Nickenich die Familie des Bischof Udo von Tout, der vor 1069 sein elterliches Eigengut (Allod) dem Kloster St. Salvator zu Tout schenkte. Udos Eltern waren die "edlen" Eheleute Richwin und Mathilde; wie sich jedoch das Geschlecht, das "im äußersten Winkel ripuarischen Gebietes" wohnte, nannte, wissen wir nicht.

Über Allodialbesitz zu Nickenich verfügte auch das bodenständige Heschlecht dert der Ritter von Nickenich, wie wir aus der Schenkungsurkunde des Ritters Hermann von Nickenich für das Kloster St. Thomas vom Jahre 1226 erkennen können. (vgl. III 2.)

Den größten Teil des Grundbesitzes in Nickenich aber hatten im Laufe der Zeit die Kurfürsten und Erzbischöfe von Köln und Trier erworben. Das Erscheinen beider Kurfürsten als Grundherren zu Nickenich nebeneinander ist leicht erklärlich; denn nördlich vom Orte verlief einst, im großen und ganzen eins mit der alten bereits mehrfach erwähnten Grenze, die Grenze der beiden Erzstifte und Kurfürstentürner etwa so, daß Rheineck und Keil (und Laach) kölnisch, der Krayer Hof, Eich, Nickenich und Wassenach trierisch waren. Andernach gehörte in weltlicher Beziehung zu Köln, die dortige alte Burgruine war Besitz des Kölner Kurfürsten. In geistlichen Angelegenheiten war Andernach dem Trierer Erzbischofe unterworfen, dessen Grenzburg gegen Kurköln (- auch Micscnheim war kölnisch -) die um 1400 von Erzbischof Werner erbaute Burg Wernerseck war. Nickenich war mit dem kölnischen Rheineck durch einen alten Weg, den sog. "Rinkerspfad" (Rheinederspfad), direkt verbunden.

Wie sich im einzelnen der Besitz beider Erzbischöfe in unserer Heimat entwickelt hat, vermögen wir nicht zu sagen. Ein freieigenes Gut des Trierers wird zufällig 1238 erwähnt; 1292 bezw. 1335 erwirbt Kurtrier die Patronatsrechtanteile der Ritter Meinfelder und Dadenberg an der Pfarrkirche. Im 14. Jahrhundert besitzt Trier den Winkelinhof und den Dinck- oder Dadenbergerhof, ferner sonstige Güter, unter denen der Eltzerhof, dessen Lage wir nicht kennen, zu nennen ist. Wir wissen von diesem Hofe nur, daß er 1655 aus dem Erbe des Hans Reichard von Eltz an Hans Anton von Eltz überging. Noch weniger wissen wir von der Entstehung der Grundherrschaft Kurkölns. Vielleicht ist sie auf dem Wege über die Pfalzgrafschaft von Laach, die ja die neugegründete Abtei dem Kölner Erzbisthofe unterstellte trotz der Zugehörigkeit des Gebiets zu Trier, entstanden. Im 14. Jahrh. ist sie jedenfalls ausgebaut und seitdem gehören zu Köln die Burg und das Weiherhoflehen, dann aber auch das Recht des obersten Märkers im Nidtenicher Walde.

Das Markrecht (Edelmärkerschaft) bedeutete einen Nutzungsanteil im Walde. Es wird zuerst genannt in Verbindung mit dem kurtrierischen Winkelinhofe im Jahre 1340, da die Eheleute Ritter Heinrich Winkelin und Agnes die Hälfte ihres Anteils den Karthäusern von St. Alban übertragen. Auch mit dem Fitzerhof ist das Markrecht verbunden, ebenso mit den beiden kölnischen Lehenhöfen, der Burg und dem Weiherhof. Im 18. Jahrh. sind Edelmärker, d. h. holz- und jagdberechtigt in dem 300 Morgen großen Nickenicher Walde die Herren von der Leyen, von Breisbach-Bürresheim, Eltz-Kempenich, Kolb von Wassenach und die Karthäuser von St. Alban. Die Klärung der bezüglichen Rechtsverhältnisse enthält ein Weistum des 15. Jahrh. Von den Märkern wurden jährlich zwei Waldschützen gewählt, die in Gegenwart der Märker und des Heimbürgers (Vorstehers) von Nickenich am "St. Arnoldsstein" im Walde vereidigt wurden. Die Schützen hatten unbefugte Holzentnahme zu verhindern. Pfändungen wegen verbotener Holzentnahme durften von ihnen jedoch nur mit Einwilligung des Heimbürgers vorgenommen werden; ebenso war Waldverbot von seiner Genehmigung abhängig. Die Nickenicher Bürger durften ohne weiteres nur im "Kurbusch" Gerten und Weinbergspfähle, aber kein Eichenholz hauen. Die Gemeinde scheint also doch auch einige Sonderrechte im Walde besessen zu haben. Dies geht auch aus einem Prozesse vom Jahre 1604 hervor, den die Gemeinde mit dem Baron Kolb von Wassenach führte und in dem sie sich mit Erfolg beruft auf einen Rechtsstreit mit demselben Freiherrn, der 1495 geschlichtet wurde. Der Baron Kolb hatte den ihm zustehenden Holzbedarf bei weitem überschritten und fremde Schafe und Schweine zur Mast in den Wald treiben lassen. Bedingung für die Entnahme von Holz, so heißt es in dem Vergleiche, sei die Seßhaftigkeit des Märkers im Dorfe, andernfalls sei besondere Genehmigung des Heimbürgers erforderlich. Aus derselben Urkunde geht auch hervor, daß die Gemeinde die Aufforstung des Waldes von sich aus besorgte.

Der Besitz der Nickenicher Grundherren, also besonders die Güter der Erzbischöfe von Köln und Trier, der insgesamt 31% des Kulturlandes ausmachte, wurde von diesen an Adelsgeschlechter verlehnt. Die Inhaber solcher Lehenhöfe waren ihren Herren zu Diensten verpflichtet und genossen dafür die Einkünfte der Liegenschaften, die sie selbst durch die Ortseingesessenen, sei es auf dem Wege der Frohndienstleisungcn oder durch Verpachtung, bewirtschaften ließen. Der Verwalter eines Lehnhofes war der sog. Hofschultheiß. Nach dem Hofschultheißenamte mögen einige Nickenicher Familien ihren Namen erhalten haben, so die Familie Elzer von dem Hofe der Ritter von Eltz, Waldecker von den Rittern (Boos von) Waldeck, Breitbachs von dem Geschlechte der Ritter Breitbach.

Von den zahlreichen Adelsgeschlechtern, die als Lehensleute in Nickenich vorkommen, und verwandten Familien seien genannt die Walbotten von Bassenheim, Braunsberg, Dadenberg, Eltz, Enschringen, Gramann, Muhl von Ulmen, Kaldenborn, Kolb von Wassenach, von der Leyen, Meinfelder, von (dem Weiher zu) Nickenich, Schilling von Lahnstein, Staffel, Sötern, Vilmar, Wentz und Winkelin.

Die Pellenz war ein sog. Hochgerichts bezirk, in dem ursprünglich die Grafen von Virneburg oberste Gerichtsherren waren. Im 15. Jahrhundert teilte sich Kurtrier mit in dieses Recht. Die Gerichtssitzung wurde dreimal im Jahre anberaumt, und zwar von dem Virneburger Grafen bezw. seinem "Waltbott", der in Monreal seinen Sitz hatte.(1) Ort der Gerichtssitzung war ursprünglich der Niedermendiger Berg. später das sog. Pellenzhaus in Fraukirch. Hier versammelten sich die Heimbürger (Vorsteher) der 14 Pellenzdörfer mit 18 Beisitzern unter dem Vorsitze des Waldbotten und entschieden über schwere Verbrechen (Mord, Brandstiftung u. a.). Schon 1230 finden wir den Nickenicher Heimbürger Gerlach am Pellcnzgericht vertreten. Hier wurden auch eine Reihe von Prozessen der Gemeinde Nickenich mit geistlichen oder weltlichen Herrschaften entschieden. In späterer Zeit, als Kurtrier ganz das Erbe der Virneburger Grafen angetreten hatte, wurden auch minder wichtige Angelegenheiten vor dem Pellenzgerichte entschieden. So wird z. B. 1755 die Geldaufnahme eines Nickenicher Bürgers bei der Pfarrkirche vom Pellenzgericht auf der kurfürstlichen Burg in Mayen genehmigt und 1785 von derselben Instanz einem Nickenicher Bürger die Erlaubnis erteilt, sich zum dritten Mal zu verehelichen. Auch Testamente wurden hier oft beglaubigt, was sonst eigentlich Sache des Dorfgerichtes, der niederen Gerichtsbarkeit, war. Die niedere Gerichtsbarkeit scheint zu Nickench ursprünglich mit dem Dadenberger (Leyenschen) Ding(-Gerichts-)hof vereinigt gewesen zu sein; denn die vor den Trägern der niederen Gerichtsbarkeit, dem Heimbürger des Ortes und zwei Geschworenen, bekundeten Willensakte (Testamente, Verkäufe u. a.) wurden von dem Inhaber dieses Hofes durch Anhängung des Siegels rechtskräftig gemacht. So heißt es z. B. in einem Verkaufsbriefe der Nickenicher Eheleute Thyel Blum und Elsa an Meister Hermann Konefelder und Grete von Mayen vom Jahre 1488, daß Heimbürger und Geschworene von Nickenich, "weil sie kein eigenes Siegel haben", den Junker Wilhelm von Dadenberg um Anhängung seines Siegels ersucht haben, was dieser denn auch 'van gerichte wegen" tut. Die Obergerichtsbarkeit Kurtriers im Orte Nickenich lag von 1653 bis 1728 in Händen derer von der Leyen bezw. Breitbach-Bürresheim. Unter dem 15. September 1653 war nämlich der "Flecken" Nickenich von dem Trierer Erzbischofe Karl Kaspar von der Leyen seinem Vetter Lothar Ferdinand von der Leyen zu Nickenich für 2000 Taler verpfändet worden. Erst 1728 wurde die Pfandschaft wieder eingelöst und auch Nickenich wieder dem kurtrierischen Amte (Kellnerei) in Mayen gerichtsbarlich unterstellt. Beim Amte Mayen blieb nun der Ort bis zur Franzosenzelt, nach deren kurzer Dauer (1794 - 1814) das Erzstift Trier dem Königreiche Preußen einverleibt wurde.

(1) Der Walbott Philipp Korfs von Monreal legte auch 1550 das Nickenicher Schöffenbuch an, in dem die "vor Heimbürger und Geschworenen" des Ortes bekundeten Willenserklärungen Aufnahme fanden.


 
Nickenich in der Pellenz, Seite 12 bis 17 Index Vorherige Seite Nächste Seite

Ein Bibelzitat: Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. [Psalm 119, 105]




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Bilder aus Nickenich

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