2. Die alte Pfarrkirche und die Grammannskapelle

Wir werden im Laufe der Zeiten drei Kirchenbauten zu Nickenich anzunehmen haben. Davon dürfte die im 9. oder 10. Jahrhundert errichtete Eigenkirche eine Kapelle in kleinem Ausmaße gewesen sein; wir wissen jedoch nicht, ob oder wie lange sie stehen blieb. Sie wurde vermutlich im 12. Jahrhundert durch eine größere ersetzt. Dieser zweite Kirchenbau soll uns im Folgenden beschäftigen. Es sei jedoch schon vorweggenommen, daß die heute noch stehende Kirche im Jahre 1842 unter dem damaligen Pfarrer Metz nach den Plänen des kgl. Bauinspektors von Lassaulx zu Koblenz begonnen und 1849 von dem Trierer Bischof Wilhelm Arnoldi eingeweiht worden ist.

Der zweite Kirchenbau wurde auf den Resten einer römischen Villa angelegt. Von ihr ist heute nur noch der Glockenturm erhalten, allerdings nicht mehr in dr ursprünglichen Gestalt. Die bei der Rheinischen Provinzialdenkmalpflege in Bonn erhaltenen Grund- und Aufrisse der Kirche gewähren ein ungleich reizvolleres Bild als der heutige (dritte) Bau. Die Kirche zerfiel in ein Hauptschiff mit dem Chor und ein kleineres, nördlich angefügtes Nebenschiff mit der neben dem Chor befindlichen Sakristei. An der Südseite war zwischen einem der beiden Eingänge und dem Chor die Luzia-Kapelle (Gramanns-Chörchen) angebaut. Der Grundstil der Kirche war romanisch, der Chor spätgotisch, ebenso das Gramanns-Chörchen, dessen einziges Fenster geschmackvolles Maßwerk zierte. Zwei freistehende Pfeiler vermittelten den Übergang von Haupt- und Seitenschiff, eine kleine Treppe verband Schiff und Chor in unmittelbarer Nähe der Luziakapelle. Die Innenmaße von Hauptschiff und Chor zu Hauptschiff und Nebenschiff standen im Verhältnis von etwa 65 : 40 rheinischen Fuß. Zweifellos ist die Kirche in dieser Gestalt nicht ursprünglich. Aber wie wir weder die genaue Zeit der Erbauung noch den Baumeister kennen, so sind auch Nachrichten über Umbauten kaum vorhanden. Der Baustil weist den Chor in die Zeit von 1350 - 1500; um die Wende des 15. und 16. Jahrhunderts entstand auch die Luziakapelle. Das kirchliche Visitationsprotokoll vom Jahre 1616 bezeichnet die Bauten als in gutem Zustande befindlich. 1739 wurde der Nordflügel der Kirche umgebaut. 1762 das Dach des Kirchturmes in seiner heutigen Gestalt errichtet. Es war im Februar dieses Jahres vom Sturm abgedeckt worden und wurde mit einem Kostenaufwand von 700 Gulden erneuert. 1788 war zur Erweiterung der Kirche der Abbruch des GramannsChörchens geplant, doch kam das Projekt wegen der damaligen unruhigen Zeitläufe nicht zur Ausführung. So blieb denn die alte Kirche unverändert stehen bis zum Jahre 1842, wo eine Erweiterung nicht mehr zu umgehen war.

Die alte Pfarrkirche hatte fünf Altäre, mit dem Altar in der St. Luziakapelle also deren sechs. Der von den Karthäusern gestiftete Hochaltar war der Mutter Gottes geweiht. Er war aus Holz, vergoldet und bemalt und trug ein Bild der Himmelfahrt Christi (1770), an dessen Stelle sich früher ein solches der hl. Maria mit dem Jesuskinde befunden hatte. Zu Anfang des 18. Jahrhunderts wurde ein neuer Hochaltar errichtet, der der hi. Maria und dem hi. Arnulfus geweiht war. - Der Arnulfusaltar wird erstmalig 1440 gelegentlich einer Stiftung der Elisabeth Specks, Gemahlin des Ritters Engeibert von dem Weiher, erwähnt. Er stand "zwischen Chor und Schiff mitten in der Kirche" und wurde 1716 entfernt, um im Hochaltar aufzugehen. - Der Altar des hl. Nikolaus, des zweiten Patrons der Nickenicher Pfarrkirche, wird zuerst 1469 erwähnt und war vielleicht eine Stiftung des Priesters und späteren Karthäuserpaters Arnold Licht. - Der Anna - Altar, erwähnt 1500, ist bekannt durch Stiftungen des Ritters Heinrich von Sötern und seiner Gemahlin Adelheid Meinfelder. - Für den Sebastianus - Altar, der 1603 genannt ist, macht die Gemeinde im Jahre 1667 eine Stiftung und gelobt zugleich dem hl. Sebastian, dessen Fürbitte man das gänzliche Verschontbleiben von der Pest zuschrieb, den 20. Januar als Feiertag.

Der Glockenturm der alten Pfarrkirche steht heute noch. Er birgt drei alte Glocken, deren Kunstwert sie von der Beschlagnahme während des Krieges bewahrte. Die älteste derselben ist zeitlich nicht fixierbar; sie hat eine sehr alte Form und mag noch in der ersten Kirche gehangen haben. An ihrem oberen Rande hat sie zwei ornamentale Schnüre, an den vier Seiten ein Kreuz. Die Marienglocke wurde 1490 in der Werkstätte des Meisters Klas von Enen (bei Grevenmacher i. Luxemburg) gegossen. Sie trägt die Inschrift: Maria haißen ich, Clas von Enen der gos mich. MCCCCLXXXX. Die Inschrift der Arnulfusglocke lautet: SANCT ARNOLFUS HEISSEN ICH - ZUM DEINST GOTS ROFEN ICH - DE DOTEN BEKLAGEN ICH - DU SUNDER BEKIR DICH - SO GIEBT DIR GOT SEIN EWIG RECH - ANNO 1589 - HENRICH VON COELLN, JOHANNES ERANCK PASTOR, HENRICH THURBAN MEISTER, GEHART ENGEL HEMBURG, ADAM KOENING. Die kleine Sebastianusglocke, die ein Raub des Weltkrieges wurde, trug folgende Inschrift: S. Sebastiane, ora pro nobis. M. Haud, Pastor. Durch Feuer und Flamm bin ich geflossen, Meister Jakob Hilden von Cöllen hat mich gegossen. Servatius Wolf Bürgermeister. Anton Betzing. Jakob Roßbach, Geschworene 1765.

Mehrere der in Nickenich ansässigen Adelsfamilien hatten in der Kirche Begräbnisrecht. Grundsätzlich war der Chor derselben den Karthäusern und den Pfarrern vorbehalten, der Adel auf das Schiff beschränkt. Schon die Generalsteuerliste des Trierischen Klerus (um 1350) erwähnt ein Erbbegräbnis in der Nickenicher Pfarrkirche; wir wissen aber nicht, wessen sterbliche Oberreste es barg.

Nach Ausweis eines in den Nickenicher Sterberegistern enthaltenen Verzeichnisses ruhten in der Pfarrkirche zu Nickenich folgende Adelspersonen: Richard Gramann, † 1418; Werner Schilling von Lahnstein, † 5. Dez. 1597; Adolf Schilling von Lahnstein, † 11. Febr. 1582; Maria Sophia Brömser von Rüdesheim, † 17. Nov. 1649. In der Gramannskapelle war der Freiherr Lothar Ferdinand von der Leyen, † 11. Jan. 1662, beigesetzt. Die Familie von der Leyen hatte das Begräbnisrecht in dieser Kapelle am 20. Nov. 1649 von dem Ritter Joh. Ludwig Muhl von Ulmen, einem der Gramannschen Erben, erworben. Unter dem 21. April 1683 übertug Franz Anton Muhl derselben Familie auch das Patronatsrecht über die Kapelle. Nach dem Aussterben der von der Leyen zu Nickenich gingen alle Rechte auf die Freiherren von Bürresheim über. Zu Ende des 18. Jahrhundert war sie Aufenthaltsraum des Kirchenchors.

Am Ende der Geschichte der Nickenicher Pfarrkirche ist noch zweier Stiftungen (Bruderschaften) zu gedenken, die bis heute fortbestehen. Es sind dies die Arnulfusbruderschaft und die Sebastianus-Schützengilde. Die Arnulfusbruderschaft ist um 1430 von Nickenicher Adligen zu Ehren der Mutter Gottes, des hl. Arnultus, aller Heiligen und zum Troste der Verstorbenen errichtet worden. Unter den Stiftern und Förderern befanden sich die Familien von Dadenberg, Meinfelder, Ulmen, v. d. Leyen, Heimersheim, Metternich, Sötern, Kolb von Wassenach, von (dem Weiher zu) Nickenich, Boos von Waldeck, Braunsberg, Burscheid, Pyrmont, Gramann, Kaldenborn u. a. Die Bruderschaftsregeln waren kurz folgende: Leiter war der jeweilige Pfarrer, dem zwei Brudermeister zur Seite standen, die alle zwei Jahre neu gewählt wurden und über das religiöse Leben der Mitglieder zu wachen hatten. Beim Eintritt in die Bruderschaft wurde ein Goldgulden erhoben, von dessen Zahlung Minderbemittelte jedoch frei waren. Beim Tode eines der Mitglieder läutete der eine Brudermeister die Totenglocke (Arnulfusglocke) und rief damit die Lebenden zum Rosenkranzgebet für den Verstorbenen. An der Totenmesse teilzunehmen und den Toten zum Friedhof zu begleiten war Pflicht; der jüngere Brudermeister trug dabei die Bruderschaftsfahne, andere Mitglieder die vier Bruderschaftskerzen. Für alle verstorbenen Mitglieder wurden jährlich vier Messen gelesen. Wiederholte Vernachlässigung der Bruderschaftspflichten zog Geldstrafen, unter Umständen auch Ausschlug nach sich. Die Namen aller Mitglieder enthielt das Bruderschaftshuch (liber confraternitatis), das der Pfarrer aufbewahrte, wie er auch mit den zwei Brudermeistern das Vermögen der Bruderschaft verwaltete. - Die besondere Verehrung des hl. Sebastian nahm sich die St. Sebastianusbruderschaft zum Ziel, die 1742 von dem Verwalter der Bürresheimschen Burg Anton Elzer als "Zunft der Vogelschützen" gegründet und 1749 in eine Bruderschaft umgewandelt wurde, nicht zuletzt durch die Bemühungen des Pfarrers Peter Elzer auf Schloß Frentz bei Jülich, eines Bruders des genannten Anton.


 
Nickenich in der Pellenz, Seite 20 bis 23 Index Vorherige Seite Nächste Seite

Ein Bibelzitat: Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit. [Galater 5, 22]




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