6. Aus der Schulgeschichte Nickenichs

Die Schule war in früheren Zeiten nicht, wie heute, Sache der Gemeinden bezw. des Staates, sondern eine kirchliche Einrichtung. Die Stelle der Hofschulen an königlichen und fürstlichen Residenzen oder Kloster- und Stiftsschulen in den Städten nahm auf dem Lande die Pfarrschule ein. Die Besetzung der Lehrerstelle war Sache des Pfarrinhabers, mit ihr der Küsterdienst verbunden.

Ober die Anfänge der Pfarrschule zu Nickenich haben wir nur dürftige Nachrichten. Als ersten bekannten Nickenicher Lehrer nennt uns eine Urkunde vom 27. März 1538 den "Meister" Gerhard Schoemecher (Schumacher). Die Einrichtung der Schule liegt aber sicher weiter zurück. Für die Besetzung der Lehrerstelle zu Nickenich war der Pater Prior des Karthäuserklosters St. Alban bei Trier zuständig. Im Laufe der Zeit hatte die Gemeinde jedoch eine Art gewohnheitsmäßiges Mitbestimmungsrecht bei der Besetzung der Lehrerstelle sich angemaßt. Dagegen lehnte sich die Abtei St. Alban auf und so kam es am 28. Oktober 1625 zu einem Vergleich zwischen den beiden Parteien. Dieser bestimmte, daß alle zwei Jahre sowie bei Ausscheiden eines Lehrers der Pfarrer und die Gemeindevertretung (Heimbürger und Geschworene) dem Prior der Karthause 3 "taugliche Subjekte" vorschlagen sollten, aus denen dann der Prior einen auswählte. Die Gemeinde scheint sich jedoch auch in der Folgezeit nicht sonderlich um diese Abmachung gekümmert zu haben. So übertrug sie z. B. im Jahre 1776, ohne die Karthause zu benachrichtigen, einfach dem Sohne des bisherigen Lehrers Egidius Weiler, Johann Karl Weiler, das Amt seines Vaters. Als dann allerdings die Karthause unter Berufung auf die Abmachung vom Jahre 1625 im Jahre 1779 Einspruch erhob, mußte die Gemeinde wohl oder übel ihren Kandidaten fallen lassen.

Was die allgemeinen Schulverhältnisse angeht, so war es darum wie in allen Landschulen früher schlecht bestellt. Es gab weder eine besondere Lehrervorbildung noch einen besonderen Lehrerstand. Das Einkommen der sogenannten "Lehrer", die meist Handwerker waren, ihre soziale Stellung sowie die äußeren Schulverhältnisse waren herzlich schlecht. Lehrgegenstände waren nur etwas Lesen, Schreiben, Rechnen und Katechismus, und diese Fächer wurden nur "mechanisch eingelernt". Klemens Wenzeslaus, der letzte trierische Kurfürst, war eigentlich die erste Amtsperson, die sich in den Trierischen Landen die Hebung der allgemeinen Volksbildung angelegen sein ließ. Um die vielseitigen Mißstände im Schulwesen besser beseitigen zu können, erließ er im Jahre 1773 ein Rundschreiben an sämtliche Pfarrer seiner Erzdiözese, in dem er diese aufforderte, über den Stand des Unterrichts in den einzelnen Orten zu berichten und gleichzeitig Besserungsvorschläge zu machen.(1) Einen solchen Bericht legte für die bis 1844 vereinigten Gemeinden Nickenich und Wassenach der Nickenicher Pfarrer M. Haud vor. Dieser Bericht gibt un ein getreues Bild son den Schulverhältnissen in beiden Orten.

Im genanten Jahre betrug die Zahl der "schulbaren Jugend" in Nickenich 60 Kinder, in Wassenach 15-18 Knaben und ebensoviele Mägdlein". Beide Geschlechter wurden in einem besonderen Schulraume unterrichtet, und zwar von einem Lehrer; eine besondere "Meisterin" gab es nicht. Der "Schulmeister" von Nickenich hatte eine Dienstwohnung, in der ein geräumiger Schulraum vorhanden war. (Der Überlieferung nach war die Schule in dem Wohnhause des Herrn J. Gelenkirch untergebracht). Übler stand es damit in Wassenach. Der Unterricht wurde dort in einem Zimmer abgehalten, "worin die Kinder wegen der Kleinigkeit (!) eingepärget (eingepfercht) sitzen, Buben und Mägdelein". Der Lehrer selbst bewohnte ein eigenes Haus.

Der Unterricht fand nur im Winter statt (Winterschule - schola hiberna, die vom 1. November bis zum 1. Mai geöffnet war), wurde dann aber vor- und nachmittags gehalten. Der Schulbesuch war alles andere als regelmäßig. "Etliche Eltern schicken ihre Kinder ein bis zwei Monate zu spät in die Schule, andere schicken ihre Kinder ganz und zumal nicht", schreibt Pfarrer Haud. Und im Jahre 1758 beschwert sich der Lehrer von Wassenach, Egidius Weiler, bei demselben Pfarrer darüber, daß von 44 schulpflichtigen Kindern nur 28 dem Unterrichte beiwohnten.

Sehr eingehenden Bericht erstattet Pfarrer Haud über die Person des Lehrers. Eine besondere Vorbildung hatte der Lehrer nicht genossen. Fähigkeit zum Lateinunterricht ("principia ad grammaticam") wäre auch, wie der Bericht hervorhebt, unnötig gewesen, weil es in Nickenich "kein Gebrauch ist, die Kinder studieren zu lassen". So war denn der Nickenicher Lehrer seines Zeichens ein Wollspinner, der Wassenacher eine Leineweber. Bezüglich der Fähigkeiten des Nickenicher Lehrers verlautet, er habe eine "schöne Hand zu schreiben", in der Orthographic und im Choralgesang sei er wohl erfahren; er habe eine "starke Stimm", gute Manier (Lehrgeschick) und großen Fleiß, die Kinder zu instruieren. Nicht so gut ist es um den Wassenacher bestellt, der "wohl lesen kann, eine "ziemliche aber grobe Hand zu schreiben hat". Er versteht die Rechtschreibung "ziemlich", "versteht auch einigermaßen der Choralgesang und hat eine nicht starke, doch annehmbare Stimme zu singen". Das Unterrichtsgeschick beider Lehrer bezeichnet Pfarrer Haud als "trefflich wohl", die Lebensart als "friedsam und exemplarisch (vorbildlich)".

Das Einkommen der beiden Lehrer setzte sich zusammen aus dem als Lehrer und als Lüster (Glöckner). Für die Erteilung des Unterrichts erhielt der Lehrer von Nickenich aus der Zehntscheuer der Karthause an Naturalien 5 Malter Korn und 100 Bauschen Stroh; dazu hatte er einen etwa 20 Ruten großen Gemüsegarten und freie Wohnung. An den Gemeindeservituten (z. B. Holzrecht) war er beteiligt. Außerdem erhielt er von jedem Kinde pro Monat je 44 Weißpfennige als Schulgeld. Für die Unterrichtung der armen Schulkinder, deren es damals in Nickenich 18-20 gab, standen dem Lehrer 3 Taler aus einem besonderen Armenfonds ("e fundata spenda pauperum") zu. Das Küstereinkommen bestand in 5 Maltern Korn aus den sog. "Glöcknergarben", deren jeder Einwohner jährlich 2 zu geben hatte, in 4 Talern, 32 Weißpfennigen aus Bruderschaftsstiftungen, 5 Talern an Stolgebühren, 42 Weißpfennigen an Prozessionsgebühren. Dazu kamen nach altem Brauch gemäß 280 Ostereier.

Die Rechte der Lehrer innerhalb der Gemeinde waren in dem Vertrage vom 28. Oktober 1628 festgelegt. Der Nickenicher Lehrer genoß außer den gewöhnlichen bürgerlichen Rechten Freiheit von Frohnden und Einquartierungslasten. wozu der Wassenacher Lehrer aber herangezogen wurde.

Liste der Nickenicher Lehrer:

  1. Gerhard Schumacher, 1538.
  2. Heinrich Durben, 1589 (Arnulfusglocke).
  3. Anton Trauden, † 1632.
  4. Otto Faßbender, Meister, 1635.
  5. Johann Henrich, 1644.
  6. Johann Zyssen, 1654.
  7. Georg Medcr, † 7. Dezember 1660.
  8. (Johann) Georg Meder, 1660 - 23. IV. 1710 (†) er ließ mehrere Flurkreuze, u. a. das Rauscherkreuz errichten.
  9. Johann Probst, 1711, 1716.
  10. Johann Zimmermann, 1718.
  11. Joh. Reinhard Bingen, 1743.
  12. Peter Schleich, 1745-60 (†).
  13. Egidius Weiler, vorher (1758) Lehrer in Wassenach, 1760-1775 (†)
  14. Joh. Karl Weiler, 1776-1779.
  15. Joh. Josef Wölker aus Kettig, 1779-1781.
  16. Christian Budenbender, vorher Lehrer in Kesselheim, ernannt am 28. Januar 1785.
  17. Servatius Probst, 1797.

Wenn Pfarrer Haud im Jahre 1773 schreibt, es sei in Nickenich "nicht Brauch gewesen, die Kinder studieren zu lassen", so kann dies nur für seine Zeit Geltung gehabt haben. Schon früh finden wir nämlich Nickenicher auf hön Schulen. 1450 studiert ein Arnold von Nickenich an der Universität "Philosophie". 1473 beginnt der spätere Dr. jur. Ritter Richard Gramann, dessen Lebensbild unten entworfen ist, seine akademische Laufbahn. Im Jahre 1500 legen drei Nickenicher mit Namen Bartholomäus, Lukas und Ewald an der Universität Trier ihre Studien ab und erlangen den Grad eines Baccalaurëus (Abiturienten). Ewald erwirbt 1502 ebenda noch die Magisterwürde. Höhere Schulbildung dürfen wir ohne Zweifel außer bei einigen geistlichen Personen aus dem Geschlechte der Ritter von Nickenich auch wohl bei dem Koblenzer Postdirektor Hild(en) aus Nickenich voraussetzen, der 1656 der Pfarrkirche eine Pluviale schenkte, vielleicht auch bei seinem Verwandten Johann Hild, der im Dienste des Trierischen Erzbischofes stand und dessen mit Namen und Wappen versehene Stiftung das an der Linde (früher "auf Loh") stehende Kreuz ist (1716). 1682 studierte ein Matthias Wilkes in Mainz Philosophie. Dem Orden der Gesellschaft Jesu gehörte der Pater Johann Elzer, der Sohn des Bürresheimschen Burgverwalters Anton Elzer. an. 1749 starb er als Missionar in Dänemark. Ähnlich mag noch mancher Einwohner des Ortes höhere Studion absolviert haben.

(1) Die Frucht dieser Rundfrage war die Einrichtung einer Normalschule (Lehrerseminar) in Koblenz, deren Absolvierung von nun an für alle Lehrer pflichtmäßig wurde.


 
Nickenich in der Pellenz, Seite 31 bis 34 Index Vorherige Seite Nächste Seite

Ein Bibelzitat: Jesus Christus: Tut Buße und glaubt an das Evangelium! [Markus 1, 15]




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