3. Die Ritter Gramann von Nickenich

Nur noch zwei Wappensteine erinnern heute zu Nickenich an das bodenständige Geschlecht der Ritter Gramann von Nickenich, das sich von 1373 (83) bis 1518 (52) urkundlich nachweisen läßt. Das erste Wappen befindet sich auf dem sog. "Jufferenzges" (Jungfer Annchens) Kreuz im Plaidterweg, welches also wohl die Stiftung einer unverheirateten Anna Gramann ist; das zweite stammt aus der oben besprochenen Gramannskapelle und ist im Gewölbe der heutigen Sakristei eingemauert. Auch auf Siegeln hat sich das Gramannsche Wappen noch erhalten. Es zeigt in silbernem Felde einen stilisierten schwarzen Eidibaum, über dessen paarweise parallel geordneten Asten neben der Krone sich ein roses Herz oder Seeblatt befindet (s. Tafel).

Der Ursprung der Familie Gramann liegt im Dunkeln. Die Wappenähnlichkeit deutet auf Verwandtschaft mit den Rittern von Eich und Polch hin, ohne daß wir jedoch Näheres darüber wissen. Mit Heinrich (Gramann, dem ersten Besitzer des halben Weiherhofes, tritt das Geschlecht zu Ende des 14. Jahrh. erstmalig in Erscheinung. Heinrichs Sohn war Bruno, der 1416 den Gramannshof erhielt und vor 1421 starb. 1418 starb ein Richard Gramann (1), der in der Pfarrkirche zu Nickenich beerdigt wurde. Brunos Sohn Richard II. erhielt 1432 den väterlichen Besitz. Seine Gemahlin scheint Else von Kottenheim gewesen zu sein, die in erster Ehe mit Johann von Kempenich vermählt war. Als deren Erbe wurde Richard III., dessen Gemahlin Johannetta von Enschringen war, 1466 von dem Grafen Philipp von Virneburg mit einem Burglehen zu Kempenich im Dorfe und zugehörigen Gütern belehnt, wie er 1465 Belehnung mit dem Gramannshofe empfangen hatte. Kinder Richards Ill. waren der Dr. jur. Richard Gramann und Johann Gramann, wie dies aus einer undatierten Urkundabschrift des 15. Jahrh. hervorgeht. Von diesen übernahm Johann das väterliche Lehen (1484), 1488 kommt er als Bürgermeister von Andernach vor, weiterhin daselbst als Schöffe oder Ratsherr bis zu seinem Tode. Johann Gramann erwarb 1512 den Weiherhof und noch 1516 einen Hof in Glees als Lehen von den Rittern Georg und Bartholomäus von der Leyen, Herren zu Olbrück. In den Jahren 1494 und 1501 weisen Johann und seine Gemahlin Anna Irmtraut zu Vallendar der Pfarrkirche zu Nickenich reiche Schenkungen zu, auch um den Bau der Grammanskapelle machten sie sich verdient. Johann starb am 10. Mai 1518, seine Gemahlin überlebte ihn bis zum 2. Februar 1552. Kinder scheinen sie nicht hinterlassen zu haben.

Ein Bruder Richards III scheint Sivard Gramann gewesen zu sein, mit dem eine Nebenlinie des Geschlechtes beginnt. Die Brüder Richard und Sivard Gramann verpfänden laut einer vor dem Heimbürger (Vorsteher) Simon und den Geschworenen Johann Licht und Arnold Smend zu Nickenich geschriebenen Urkunde auf 10 Jahre ihren Nickenicher Hof um 80 Gulden an Michel von Altenahr (Aldenaire) 1451. Sivards Sohn war Amt (Arnold) Gramann; beide werden 1487 genannt. Arnold wurde am 20. Mai 1492 von dem Abte Rupprecht von Prüm die Genehmigung erteilt, eine Rente, die er von dem Kloster zu Lehen hatte, seinem Vetter Johann zu verpfänden; er war also eine Art Lehensmann der Abtei Prüm.

Welcher dieser beiden Linien Johann Gramann, der 1488 als Trierischer (!) Lehensmann in einem Streite des Erzbisthofes Johann von Trier gegen den Ritter Kuno von Wunnenberg Lehensrichter ist, angehört, entzieht sich unserer Kenntnis; dasselbe gilt für einen Richard Gramann, der 1488 "Kirchherr" in Niedermendig genannt wird. Sehr gut sind wir jedoch über den größten Sprossen der Familie, den

Dr. jur. utr. Ritter Richard Gramann

unterrichtet. Er war etwa um das Jahr 1450 geboren. Seine Eltern waren Johann Gramann III und Johannetta von Ensdsringen, eine Tochter Johanns von Enschringen und Agnes' aus dem Geschlechte der Landolff von Bitburg. Während sein Bruder Johann dem Vater im Besitze seiner Lehengüter folgte, wandte sich Richard dem Studium zu. Schon bald nach Eröffnung der Trierer Universität (1473) ließ er sich daselbst in der Fakultät der "freien Künste einschreiben. Mit großem Eifer lag er seinen Studien ob. Bereits im Februar 1474 erwarb er den Grad eines "Baccalaurëus", der etwa dem heutigen "Abiturienten" entspricht, und im Mai des Jahres 1476 wurde er an demselben Hochschule zum "Meister (magister - Lehrer) der freien Künste (Philiosophie)" promoviert. Diese schnelle Absolvierung der Studien seitens unseres Richard verdient um so höhere Bewertung, wenn man dabei die für die damalige Zeit gemachte Feststellung betrachtet, daß von allen mittealterlichen Studierenden nur etwa die Hälfte das Baccalaurëat, von diesen wieder nur die Hälfte das Magisterium, das Recht zu Vorlesungen, erhielt.

Wissensdrang, gepaart mit der den mittelalterlichen Scholaren besonders eigenen Wanderlust, trieb unseren "gelehrten Ritter" in die Ferne. Von Trier aus begab er sich nach Löwen (Belgien). Auch hier erwarb er sich den Magistergrad. Doch bald zog es ihn weiter nach dem sonnigen Süden, zu den blühenden, berühmten Universitäten Italiens, die im Mittelalter auf die deutsche studierende Jugend allgemein besondere Anziehungskraft ausübten. In Italien verließ Richard das bisher gepflegte Wissensgebiet und wandte sich dem Studium der Rechtswissenschaft zu, dem er an den Universitäten Bologna und Ferrara oblag. Geschmückt mit dem Doktorgrade beider Rechte (des kirchlichen und weltlichen), kehrte er um 1482 in die Heimat zurück, wo er nun - im Gegensatz zum bisherigen Familienbrauch - in die Dienste der Trierer Erzbischöfe trat.

Im Jahre 1482 erhielt Richard Gramann die Pfründe eines Stiftsherrn am St. Paulinusstift zu Trier. Bald darauf übertrug ihm sein Erzbischof, Johann II von Baden (1465-1503), das Amt eines Offizials (erzbischöflichen Richters). In dieser Stellung erteilt er am 18. Januar 1485 eine Dispens. Gleichzeitig scheint er auch Assessor beim kaiserlichen Kammergericht gewesen zu sein. 1486 begegnet er als Dechant von Oberwesel und Stiftsherr von St. Simeon zu Trier. 1492 finden wir ihn als Dechanten des Paulinusstiftes und erzbischöflichen Offizial des Niedererzstiftes mit dem Wohnsitze in Koblenz. Am 21. März dieses Jahres ist er zu Köln Schiedsrichter in einem Prozesse zwischen der Kölner Universität und den Verwandten des verstorbenen Professors Dr. Johannes Fankel. Am 4. Juli 1495 beauftragt ihn Erzbischof Johann II mit der Durchführung der ihm vom Papst Alexander VI übertragenen Appellationssache des Erzbischofes Berthold von Mainz gegen den Grafen Philipp von Hanau. Vom 23. August 1497 datiert eine Urkunde des Trierischen Erzbischofes, durch welche Richard Gramann, "meister, beider rechten doctor, dechan U. L. Frauwenkirchen zu (Ober)wesel", zum erzbischöflichen Rat ernannt und bestellt wird. Ihm wird darin die Verpflichtung auferlegt, ständig beim erzbischöflichen Hofe in Ehrenbreitstein zu sein, wo ihm eine besondere Kammer angewiesen ist, "sin bücher und arbeit darin zu haben." Neben dem Rechte, sich dazu einen besonderen Schreiber zu halten, werden ihm als Gehalt jährlich zwei Hofkleider, 12 Maker Korn, 2 Fuder Wein sowie 64 Gulden aus den erzbischöflichen Zolleinkünften zugesagt.

Noch höher stieg Richard Gramann in der Gunst seines Landesherrn. Hatte er bisher in der praktischen Rechtspflege gestanden, so berief ihn nun das Vertrauen seines Kurfürsten auf den Lehrstuhl für Rechtswissenschaft an der Universität Trier, an der Richard ja auch sein Studium begonnen hatte. Unter dem 22. April 1499 übertrug ihm Erzbischof Johann das durch den Tod des Dr. Johann Kridewyß erledigte Kanonikat des Stiftes St. Florin in Koblenz mit der Verpflichtung, an der Universität Trier dafür jährlich 25 Vorlesungen über kanonisches oder römisches Recht zu halten. Neben Gramanns Befähigung zur Professur mag auch der Einfluß seines Verwandten, des berühmten Kanzlers des Erzbischofs, Ludolphs von Enschringen († 1505), bei seiner Ernennung mit eine Rolle gespielt haben. Richards Lehrtätigkeit erlitt im Jahre 1504 eine Unterbrechung durch eine Reise nach Rom, die er als Rat des Erzbischofs Jakob von Baden (1503-11) zusammen mit dem Trierer Domkapitular Jakob von Eltz unternehmen mußte.

Das Jahr 1509 brachte Richard Gramann die Krönung seiner akademischen Laufbahn. Er erlangte die höchste Würde der Universität, das Rektorat, das er nun durch drei aufeinander folgende Jahre (1509-il) innehatte. Als Rektor erwarb Richard im Jahre 1509 von der Stadt Trier deren Haus "zur Taube" in der Dietrichstraße und stiftete dasselbe der Universität mit der Bestimmung, daß "dasselbige Haus zur Taube mit all seinem Zubehör zu ewigen Tagen ein Kollegium oder Burse (Heim) für etliche Doktoren, Meister und Studenten der Universität sein und bleiben solle". Dieses Studentenheim, das Richard Gramann nach einem anderen Berichte eigens für 12 arme Studenten bestimmt hatte, erhielt zur Erinnerung an den Stifter den Namen "Collegium Gramannianum", auch wurde es wohl "Marienburse" genannt, weil es zu Ehren der Mutter Gottes gestiftet war. Leider war der Gramann'schen Stiftung kein längerer Bestand beschieden. Das Haus, das heute noch besteht (Landgerichtsgebäude), fiel bald wieder an die Stadt zurück und erlangte im Jahre 1559 durch die Reformationsreden des Trierischen Kalvinisten Kaspar Olevian eine gewisse Berühmtheit.

So ist mit der Geschichte der Trierer Universität, die seit 1480 als "Zentrum des Humanismus" galt, der Name Richard Gramann eng verbunden. Und doch hat dieser Mann, auf der hohen Stufe irdischen Ruhmes stehend, seines Heimatortes nie vergessen. Nickenich verdankt ihm. d. h. seinem Vermächtnisse - Dr. Richard Gramann soll im Oktober des Jahres 1513 gestorben sein -, die herrliche, in spätgotischem Stile errichtete Seitenkapelle der alten (1842 abgerissenen) Pfarrkirche, die am 27. Juni 1515 eingeweiht wurde und "Gramannschörchen" hieß. So bekundete der gelehrte Humanist seine treukirchliche Gesinnung und seine große Liebe zur Heimat. (vgl. S. 21).


 
Nickenich in der Pellenz, Seite 43 bis 46 Index Vorherige Seite Nächste Seite

Ein Bibelzitat: Ich weiß, an wen ich glaube, und bin gewiss, er kann mir bewahren, was mir anvertraut ist, bis an jenen Tag. [2. Timotheus 1, 12]




Links
MBS Xojo Chart Plugins

www.st-arnulf.de