4. Der Leyensche Hof und das Adelsgeschlecht von der Leyen zu Nickenich

Burg Gondorf an der Mosel war der Stammsitz des kurtrierisdien Ministerialengeschlechtes von der Leyen, dessen Ahnherr der 1272 genannte Werner von der Leyen ist. Im Jahre 1653 wurde diese heute noch blühende Familie in den Stand der Freiherren (Barone), 1711 in den Reichsgrafenstand erhoben. 1806 erhielten die Grafen von der Leyen den Fürstentitel. In Nickenich ist die Familie von der Leyen seit 1444 nachweisbar. Ihr Besitz wuchs im Laufe der Zeit so bedeutend an, daß sich im 17. Jahrhundert eine Linie des Geschlechtes Nickenich zum Rittersitz erwählte und sich danach als "von der Leyen zu Nickenich" bezeichnete.

Im Jahre 1444 belehnte der Trierische Erzbischof Jakob von Sirk den Ritter Johann von der Leyen mit Hofanteilen zu Nickenich, und zwar geschah dies wegen Johanns Mutter Lisa von Kobern, deren Familie also wohl auch einst Rechte zu Nickenich besessen hatte. Eine bedeutende Vergrößerung des Leyen'schen Besitzes bedeutete der Erwerb des Dadenberger - oder Ding-Hofes durch Georg von der Leyen im Jahre 1479. Dieser Hof trug seinen Namen nach dem Geschlechte der Ritter von Dattenberg bei Linz, in deren Besitz er seit 1292 war. In diesem Jahre waren die Ritter Hermann und Wilhelm von Dadenberg von dem Erzbischofe Boëmund belehnt worden. 1330 wurde Wilhelm allein belehnt. 1335 verzichtete er auf seinen Patronatsrechtsanteil an der Pfarrkirche. 1343 verkaufte er einige Renten aus seinem Hofe den Rittern Johann und Siegfried von Nickenich. 1388 wohnte Sivard von Dadenberg mit seiner Gemahlin Stine auf dem Hofe. Der letzte der zu Nickenich ansässigen Dadenberg scheint Wilhelm gewesen zu sein. Er war vermählt mit Agnes von Enschringen (Luxemburg) und wird noch 1499 als Stifter einer Kornrente zu Nutzen der Pfarrkirche genannt. Wegen seiner Wohltaten der Kirche gegenüber und seiner frommen Gesinnung - er war ein eifriger Förderer der Arnulfusbrudersthaft - erhielt er den Beinamen "der fromme Junker". Daß Wilhelm von Dadenberg und der Ritter Emmerich Schilling von Lahnstein Mitglieder der Andernacher Schmiedezunft waren, mag nebenbei erwähnt sein.

Mit dem neuen Besitzer wechselte der Hof den Namen. Der Ieyesche Hof besteht heute noch unter diesem Namen fort in dem der Kirche gegenüberliegenden Auer'schen Anwesen. Derselbe war mit einer Mauer umgeben und umfaßte einst den Raum zwischen den beiden jetzigen Schulen. Der heute noch stehende Bau wurde nach Ausweis des Türsturzes, der das einfache von der Leyensche Wappen (silberner Pfahl in blauem Felde) trägt, im Jahre 1600 aufgeführt. Zinnen und Türmchen, die der Bau einst aufwies, sind leider in der Mitte des 19. Jahrhunderts entfernt worden, doch verrät die massive Bauart noch den einstigen Rittersitz. Anschließend an den Hof erstreckte sich auf dem Raum der neuen Schule bis zur Hintergasse der sog. "Ley-Dietrich-Bungert (Baumgarten)", eine Bezeichnung, deren erste Bestandteile noch heute als Familienbezeichnung in Nickenich geläufig sind; ohne Zweifel war die Familie einst im Besitze des Leyen'schen Hofschultheißenamtes. Mit der Ortswasserleitung war der Hof (ebenso wie die Burg und der Karthäuserhof) durch Bleiröhren verbunden.

Der schon oben genannte Georg von der Leyen erwarb weiterhin 1507 von den Eheleuten Ritter Friedrich von Sötern und Lisa käuflich die sog. Nickenicher Mühle in Kretz (die heutige Korbsmühle). Werner v. d. Leyen übertrug sie 1509 dem Laacher Abte Simon von der Leyen (1491-1512) gegen Lieferung von jährlich 6 Maltern Kornzins an den ehemal Dadenbergischen Hof in Nickenich. Wegen der genannten Mühle k.im es 1638 zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen der Abtei Maria Laach und dem Freiherrn Lothar Ferdinand v. d. ieyen, laut wel-cher das Eigentumsrecht der Familie zwar anerkannt, diese aber zur Leistung einer Kornrente von 14 Malter an das Kloster verpflichtet wurde.

Zu Ende des 16. Jahrh. lösten sich von dem Geschlechte der Ritter v. d. Leyen, dessen Besitzschwerpunkt seit damals etwa 100 Jahren die Herrschaft Saffig war, zwei Nebenlinien ab. Die eine war die zu Adendorf; ihr gehörten der kraftvolle Trierische Erzbischof Karl Kaspar von der Leyen (1652-76) und sein Bruder Damian Hartard, Erzbischof zu Mainz, an. Die zweite Linie war die der Ritter von der Leyen zu Nickenich, die durch Lothar Ferdinand begründet wurde. Georg von der ieyen war in zweiter Ehe vermählt mit Katharina Schilling von Lahnstein, einer Tochter Werner Schillings und der Amalie von Staffel. Die Ritter Schilling waren seit 1518 im Lehensbesitze der Nickenicher Burg, und wegen seiner Gemahlin wurde Georg im Jahre 1610 vom Kölner Erzbischofe mit der Burg belehnt, nach dem er schon 1603 den Burganteil der Ritter von Enschringen und im selben Jahre von der selben Familie den sog. Gramannshof erworben hatte. Um 1615 ist Georg von der Leyen als "Kurkölnischer Rat, Groß- und Landhofmeister und Oberamtmann zu Andernach" gestorben. Im Besitze von Saffig folgte ihm sein Sohn aus erster Ehe, Hans Kaspar; die Nickenicher Lehengüter vererbten sich auf Lothar Ferdinand, seinen Sohn aus der Ehe mit der Katharina Schilling, der sich von nun an "Herr zu Nickenich" nannte.

Lothar Ferdinand war in erster Ehe seit 1627 vermählt mit Maria Sophia Brömser von Rüdesheim, Tochter des kurmainzischen Rates Johann Reichard Brömser und der Maria Waldbott von Bassenheim. Maria Sophia starb am 17. November 1649 und wurde am St. Anna-Altar in der Nichenicher Pfarrkirche beigesetzt. Eine zweite Ehe ging Lothar vor 3654 ein mit Elisabeth von Metzenhausen. Aus dieser Ehe ging ein Sohn Karl Friedrich hervor (geb. 28. Jan. 1657), der jedoch schon nach 12 Tagen starb. Lothar beschloß seine Tage am 11. Jan. 1662; in der Gramannskapelle, in der die Familie seit 1649 Begräbnisrecht hatte, fand er seine letzte Ruhestätte. Die Grabinschrift bezeichnete ihn als "Herrn zu Nickenich, kaiserlichen Oberst und kurtrierischen Amtmann in Hammersteine".

Der Ehe Lothar Ferdinands mit Maria Sophia Brömser von Rüdesheim waren sieben Kinder entsprossen:

1. Heinrich Ferdinand, Dompropst zu Mainz, Chorbischof zu Trier und Archidiakon zu Karden. Wenn seine Grabinschrift von ihm rühmt, man habe ihn an den vorzüglichsten Höfen Europas großes Talent und große Tugend entwickeln sehen, so sagt sie nicht zu viel. Am 22. Februar 1677 finden wir ihn als Bevollmächtigten des trierischen Erzbischofs Johann Hugo von Orsbeck zu Wien bei Kaiser Leopold I., in Begleitung seines Kurfürsten reiste er 1689 nach Augsburg zur Wahl des späteren Kaisers Josef I. (1705-11), genoß also am trierischen Hofe hohes Vertrauen. Sein demütiger Charakter erhellt aus der Tatsache, daß er 1705 die ihm angetragene Bischofswürde von Eichstatt ausschlug. Heinrich Ferdinand von der Leyen zu Nickenich starb am 8. Mai 1714 und wurde im Dome zu Mainz beigesetzt, wo "das stattliche Grabmal des Domes" sein Gedenken erhält. In seiner Grabinschrift heißt es von ihm: "Den Mangel an Familie ersetzte er durch ungeheuchelte Liebe zu den Armen, deren Vater und Stütze er war". In seinem Testament begründet er mit folgenden Worten die Stiftung eines Jahrgedächtnisses für sich und seine Eltern: "In der Erwägung, daß das Sprichwort "Gib das deine, solange es dein ist, denn nach dem Tode ist es nicht mehr dein" wahr ist und in Kenntnis der Erfahrung, daß, was andern als Treuhändern aufgetragen wird, nicht immer gut vollzogen und zu Ende gebracht wird, ordne ich den Jahrtag an." Diese Worte kennzeichnen seine fromme Gesinnung zu Genüge. Seiner Heimat Nickenich blieb Heinrich Ferdinand stets sehr zugetan und bekundete dies auch durch Stiftung einer versilberten Arnulfusttatue für die Nickenicher Pfarrkirche. - 2. Philipp Friedrich geb. 19. Juli 1644. - 3. Philipp Fedinand geb. 25. Sept. 1645, fiel am 31. Aug. 1667 im Kampfe gegen Frankreich bei Gent und wurde dort im Kloster der Augustiner beerdigt. Sein Herz wurde in dem Grabe seiner Eltern zu Nickenich beigesetzt. - 4. Elenore Anna Margaretha, geb. Juni 1643, war 33 Jahre lang Abtissin des Klosters Engelport a. d. Mosel und starb am 16. Dezember 1698. - 5. Anna Ursula geb. 10. März 1647, Nonne im Kloster Oberwerth bei Coblenz. - 6. Maria Elisabeth geb. 5. März 1649. - 7. Maria Margaretha geb. 14. Mai 1641, gest. 20. August 1691 war vermählt mit dem Freiherrn Georg Reinhard von Breitbach-Bürresheim († 17. Mai 1710). Beider Sohn Ferdinand Damian von Breitbach-Bürresheim trat 1708 bezw. 1714 das Erbe seines Onkels, des Barons Heinrich Ferdinand von der Leyen zu N., an.

Außer dem "Stammhause" der Familie von der Leyen, dem ehemaligen Dadenberger Hofe, erinnert noch das Burgtor an die Leyensche Herrschaft. Dasselbe wurde von Heinrich Ferdinand 1677 erbaut und mit dem Ehewappen seiner Eltern geziert. Das Wappenschild zeigt links das von der Leyensche Wappen, rechts das der Brömser von Rüdesheim (6 schwarze Lilien in der Anordnung 3, 2, 1 von oben in silbernem Felde).

Es nimmt die Mitte eines von einer Kugel gekrönten, in Voluten (Schnecken) auslaufenden Giebeldreieck ein; über ihm schwebt die Freiherrnkrone. - Ein dritter Leyenscher Hof scheint an der Linde (diese Bezeichnung ist schon i. J. 1604 üblich) gelegen zu haben. Der dazugehörige Garten zwischen "Linde" und "Karthausergasse" ist 1671 erwähnt. In ihm haben wir einen kurtrierisdien Lehnhof zu sehen, von dem sich ein aus dem Jahre 1564 stammendes Doppelwappen (v. d. Leyen und Kurtrier: rotes Kreuz in weißem Felde) noch erhalten hat (Müllersches Anwesen). - Ein vierter Hof der Familie war endlich das Adams'sche Anwesen im Unterdorf, das wir vielleicht als "das vorderste Haus auf dem Weiher" ansprechen können. Ein Türsturz dieses Hauses nennt einen Michael Waldecker als Leyensdsen Hofschultheißen (1666). - Auch in Koblenz besaßen die von der Leyen zu Nickenich zwei Höfe. Der eine, "Nickenicher Hof" genannt, ist das heutige Pfarrhaus Unsere lieben Frauen, Ecke Danne- und Florinspfaffengasse, der zweite lag am Horinsmarkt (heutige Synagoge).


 
Nickenich in der Pellenz, Seite 46 bis 50 Index Vorherige Seite Nächste Seite

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