Predigt von Bischof Dr. Reinhard Marx
im Pontifikalamt bei der Beisetzung von Pfarrer Johannes Schulz
am 07. März 2004 in Elm-Derlen

Liebe Brüder und Schwestern, liebe Kinder,

Pfarrer Johannes Schulz kehrt in seine Pfarreien zurück, eingeäschert, nachdem er in Dachau verhungert ist. Sein Kelch und das Kreuz, das er als Pfarrer im ersten Weltkrieg getragen hat, und seine Asche stehen hier.

Liebe Schwestern und Brüder, wir glauben daran, dass dies nicht alles ist, was von ihm geblieben ist, sondern, dass er lebendig als Glaubenszeuge wieder in unsere Mitte eintritt. Ich möchte an dieser Stelle allen herzlich danken: den Pfarrern, den Gremien in den Gemeinden, hier und in Nickenich und auch den Verantwortlichen in den Zivilgemeinden, dass sie diesen Glaubenszeugen auch über so viele Jahre und Jahrzehnte hinweg nicht vergessen haben, dass sie dem widerstanden haben, „Schwamm drüber, wir wollen nichts mehr davon hören, wir wollen diese Vergangenheit ruhen lassen.“

Nein sie ruht nicht, weil sie wichtig für uns ist, auch für unsere Zukunft. Herzlichen Dank an alle, die sich darum bemühen, diese Erinnerung lebendig zu halten. Es liegt an ihnen, liebe Brüder und Schwestern, aus diesem Glaubenszeugen mehr zu machen, den Ort seines Begräbnisses zu einem Ort des lebendigen Erinnerns zu machen, sich im Gebet mit ihm zu verbinden und so auch dafür zu sorgen, dass dieses Glaubenszeugnis für uns und für die kommenden Generationen fruchtbar wird. Ob daraus eine Verehrung wird, eine lebendige Erinnerung, die mehr als ein Totengedächnis ist, das liegt an euch allen, liebe Brüder und Schwestern.

Es wird heute viel vom Martyrium geredet, aber oft in einer falschen Weise. Vielleicht ist die Beisetzung von Pfarrer Johannes Schulz auch ein Anlass, über einige Aspekte bezüglich des christlichen Martyriums nachzudenken. Wir hören jeden Tag von Selbstmordattentätern im islamischen Bereich, die sich selbst als Märtyrer bezeichnen und von anderen so bezeichnet werden. Was für eine Perversion der Religion? Ich erwarte von den Verantwortlichen des Islams, von den Verantwortlichen der Mehrheit der Gläubigen, die auch sicher nicht dieser Meinung sind, dass sie entschieden dagegen angehen. Ein Selbstmordattentäter ist kein Märtyrer. Er pervertiert und missachtet den Glauben an den lebendigen Gott. Wer kann Unschuldige töten und sich als Märtyrer bezeichnen? Wie können gläubige Moslems einen solchen Menschen verehren? Liebe Schwestern und Brüder, dagegen müssen wir angehen, mit den vielen Moslems, die das auch nicht akzeptieren. Dieses ist eine Perversion des Martyriums. Alles ist auf den Kopf gestellt, wenn wir so über Religion und Martyrium denken.

Nein, meine lieben Schwestern und Brüder, das Martyrium, wie wir es in der jüdisch-christlichen Tradition sehen, ist was völlig anderes. Es nimmt nicht den Tod Unschuldiger in Kauf. Es sucht nicht den eigenen Tod, sondern verwandelt das Leiden und Sterben, das oft durch ungerechte Gewalt erzwungen wird, in Liebe, in eine neue Wirklichkeit. Nur dann wird es ein Martyrium in der Nachfolge des gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Die verwandelnde Liebe ist es, die rettet. Die sühnende Hingabe, die jeder von uns, auch, wenn er nicht ein Märtyrer im Sinne des Todesopfers wird. Die sühnende Liebe, in der wir uns mit dem gekeuzigten Herrn verbinden, verwandelt mein Leben und die Welt. So nehmen wir teil an der Erlösung und Rettung der ganzen Welt. Das ist der entscheidende Punkt. Noch nicht einmal, ob jemand durch eine böse Gewalt gestorben ist, ob jemand einem anderen etwas Schreckliches angetan hat und er es erleiden musste, sondern im tiefsten ist es die Gesinnung dessen, der dieses Leid erduldet, was es zum Martyrium, was es zum Lebens- und Glaubenszeugnis und was es zur Verwandlungskraft macht, damit daraus neues Leben entstehen kann.

Und genau das, meine Schwestern und Brüder, können wir bei Pfarrer Johannes Schulz feststellen. Der Anlass war ja eigentlich banal, den Reichsfeldmarschall*) Herman Göring nicht zu grüßen. Das ist ein Akt des Widerstandes, der Verweigerung, ja, aber ein banaler Anlass. Sein Leben vorher war schon gekennzeichnet durch Distanz zu diesem Regime, wie es für viele der katholischen Mehrheit - Priestern und Gläubigen – selbstverständlich war. Da war Johannes Schulz einer von vielen, die sich dem Regime innerlich verweigert haben. Davon kann die Geschichtswissenschaft Zeugnis ablegen, dass gerade in den katholischen Bevölkerungsteilen die große, große Mehrheit in Distanz zu der Ideologie des Nationalsozialismus stand. Dann wegen eines banalen Anlasses verhaftet zu werden, weil der große Reichsfeldmarschall sich in seiner Ehre gekränkt fühlt, weil zwei Priester nicht aufstehen und den Hitlergruß machen -

liebe Schwestern und Brüder, damit beginnt der eigentliche Weg von Pfarrer Johannes Schulz in den Konzentrationslagern, in Dachau. Wir haben ja die Zeugen, die uns berichtet haben, wie er das, was schrecklich ist, ein Verhungern, ein elendiges Umkommen verwandelt hat durch sein eigenes Glaubenzeugnis, dadurch, dass er dieses, was ihm von einer bösen Gewalt von außen aufgedrängt wurde, verwandelt hat durch die Liebe, die es zum Opfer gemacht hat.

„Ich opfere mich für meine Gemeinde. Ich muss dieses große Opfer bringen, damit alle gerettet werde n“

Liebe Schwestern und Brüder, das ist die Gesinnung des christlichen Martyriums, das verändert alles, das stellt alles in ein anderes Licht. Das dürfen wir bei diesem Glaubenszeugen bekennen, weil wir die Zeugen haben, die mit ihm im Konzentrationslager waren. Nicht der äußere Umstand seines Todes, sondern wie er diesen Tod gedeutet hat und wie er ihn gestaltet hat, das macht ihn zum Glaubenszeugen. Das macht ihn zu einem, der uns auch heute helfen kann, unseren Glauben zu leben, und deutlich macht, was eigentlich der Sinn christlichen Leidens ist, die Verwandlung.

Liebe Schwestern und Brüder, wir haben das oft vergessen, und deswegen glaube ich, dass nicht nur die Erinnerung an die schreckliche Zeit, die in Deutschland gewütet hat, wichtig ist, sondern auch für die Zukunft unseres Glaubens hier etwas Kostbares mit auf den Weg gegeben wird. Das eine ist klar und ich muss sagen: auch nach so vielen Jahrzehnten. Ich bin 1953, nach dieser schrecklichen Zeit, geboren. Ich kenne das nur aus den Erzählungen meiner Eltern, meiner Großeltern, meiner Verwandten und vieles aus Büchern und Literatur. Aber ich muss sagen, je länger diese Zeit zurück liegt, umso mehr erschrecke ich darüber. Der Schrecken lässt nicht nach, dass so was in diesem Land geschehen konnte, ein solches Regime, eine solche Unterdrückung, eine solche Primitivität des Denkens bis in alle Schichten der Bevölkerung hinein. Wie viele Menschen wurden von diesem primitiven Denken erfasst? Wie ist es möglich gewesen, dass so ein zivilisiertes Land in diesen Abgrund gefallen ist?

Liebe Schwestern und Brüder, ich kann mich nicht darüber beruhigen, niemals! Der Schrecken wird eher größer als kleiner. Daran soll dieses Glaubenszeugnis von Johannes Schulz auch erinnern. Nie wieder darf dieses primitive Denken, die Entwürdigung des Menschen und die Missachtung der anderen sich wiederholen. Das muss immer wieder in uns lebendig sein. Der Glaubenszeuge Johannes Schulz erinnert uns daran, dass wir, wenn so etwas wieder passiert, dem sofort entgegen treten, dass wir dem sofort Widerstand entgegensetzen. Wenn er in unserer Mitte wäre, würde er uns sicher sagen, dass wir als katholische Christen nicht so ängstlich sein sollten, dass wir zu unserer Kirche stehen sollen, dass wir nicht nachlassen in der Freude für unseren Glauben, dass wir nicht nachlassen in der Lebendigkeit unserer Gebete, der Verbundenheit mit der heiligen Eucharistie am Sonntag. Das würde er uns sicher sagen. Das wollen wir auch nicht verschweigen und vergessen.

Liebe Brüder und Schwestern, sein Zeugnis gibt uns noch etwas Kostbares mit auf den Weg, was für unser persönliches, geistliches Leben darüber hinausreicht. Wie können wir beitragen zu dem, was wir von der Welt und von der Kirche erhoffen? Am wenigsten durch Reden und Papiere, sondern durch unser persönliches Leben, auch durch unser persönliches Leiden. Es ist in vielen Köpfen und Herzen der Christen verloren gegangen, dass auch das Leiden, das Krank- sein, die Mühen des Alters, das Sterben für die anderen aufgeopfert werden können. Dass ich nicht nur in meinem Leid, in meinem seelischen Leid, in meiner Angst, in meinen Sorgen um mich selber kreise, sondern, dass ich es auch in das Kreuzesopfer Christi mit hinein geben kann. Der Heilige Paulus hat einmal darüber gesagt: „Ich ergänze an meinem Leiden, was am Opfer Christi fehlt“. Das ist vielen überhaupt nicht mehr präsent, dass ich mein Leben in der inneren Gesinnung aufopfern kann, wie meine Angst, mein Leiden und Sterben. Liebe Brüder und Schwestern, das ist etwas, was uns durch dieses Zeugnis von Johannes Schulz auch als kostbare Gabe mit auf den Weg gegeben wird. Unser persönliches Leben kann durch unsere innere Gesinnung umgestaltet werden als Hingabe, als Liebe. Ich kann in meinem Gebet und mit meinem Opfer und mit meinem Leiden etwas beitragen zum Heil der Welt, zum Segen für meine Familie, vielleicht zum Segen für die ganze Kirche, für die Menschen, die mir verbunden sind. Wir sollten diese Kraft nicht missachten. Pfarrer Johannes Schulz hat das klar gesehen:

Sein Leiden kann Frucht bringen für Nickenich.
Die Nickenicher werden das hoffentlich nicht vergessen.

Sein Leiden kann Frucht bringen, so hat er es gesehen, für die Herde, für der er als Priester vorgestanden hat. Die Gemeinde und die Gläubigen werden dies hoffentlich nie vergessen und den Segen spüren über seinen Tod hinaus, wie jetzt nach so vielen Jahren.

Liebe Brüder und Schwestern, so ist dieses wieder ein Ort der Erinnerung an die vergangenen Zeiten, den wir hier schaffen durch die Beisetzung dieses Priesters, und somit ein Aufruf für die Gegenwart und für die Zukunft. Die Texte des Wortgottesdienstes des 2. Fastensonntags sind wie für den heutigen Anlass ausgesucht, der vom Opfer des Abrahams geprägt wird. Unheimliche Angst ist es, die ihn erfasst. Aber diese Angst verschwindet, weil in diesem Opfer etwas deutlich wird von der Liebe Gottes und Abraham im Glaubensgehorsam seinen Weg annimmt. Er macht sich im Glaubensgehorsam auf den Weg, egal wo Gott ihn hinführt. Das ist die Gesinnung, die uns weiterhilft und die auch Johannes Schulz gehabt hat, oder wie der heilige Paulus gesagt hat: „Unsere Heimat ist im Himmel.“

Liebe Brüder und Schwestern, wie können wir Christen sein, wie können wir wirklich fröhliche, starke Christen sein, wenn wir nicht überzeugt sind, unsere Heimat ist im Himmel, wenn wir meinen, wir hätten einen Anspruch darauf, jetzt schon alles zu erleben, jetzt alles zu bekommen, jetzt schon alles zu verbrauchen.

Liebe Schwestern und Brüder, unsere wahre Gemeinschaft findet mit dem lebendigen Gott statt. Er wird unseren Leib verwandeln, wir werden mit ihm verbunden sein und unsere wahre endgültige, unzerstörbare Erfüllung finden. Diesen Glauben hat Pfarrer Johannes Schulz gehabt, und deshalb konnte er sein Lebenszeugnis als Opfer verstehen, und Jesus selbst, wie es im heutigen Evangelium von der Verklärung heißt. Die Verklärung ist ja nicht nur eine Tat von oben, dass Jesus Christus neu leuchtet und deutlich wird, dass er der Sohn Gottes ist, sondern er ist auch der Sohn Gottes, weil er in die liebende Hingabe hineingeht und schon auf dem Berg der Verklärung von seinem Tode spricht. Von seinem Ende wird gesprochen. Mose und Elia reden mit ihm über sein Ende, sein Kreuz. Er strahlt, weil er sich hingegeben hat. Er glänzt, er leuchtet, weil er die aufopfernde Liebe ist.

Liebe Brüder und Schwestern, so wird durch die Verklärung des Herrn unser Lebensweg deutlich. Wir werden leuchten und strahlen, wenn wir lieben. Sonst werden wir im Dunkeln bleiben. So können wir das einfach und klar zusammenfassen.

Liebe Brüder und Schwestern, wir wollen diesen Glaubenszeugen, der in unserer Mitte nun begraben wird, nicht vergessen, die Familie wird ihn nicht vergessen und auch die Kirche wird ihn nicht vergessen, sondern mit ihm gemeinsam in die Zukunft gehen.

Anmerkung:

* Am 27. Mai 1940, am Tag des Vorfalles am Waldfrieden war Göring noch Generalfeldmarschall. Erst im Juli 1940 wurde Göring vom Generalfeldmarschall zum Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches befördert, ein eigens für ihn geschaffener Dienstgrad. In Erwartung dieser Beförderung war für Göring das Nichtgrüssen und Nichtbeachten seiner Person durch die beiden Priester am Waldfrieden nur sehr schwer zu verkraften. Dies wird nun, mehr als 60 Jahre später, durch die Freigabe der Verhör-protokolle des NKWD späterer KGB, auf Seite 123 belegt.

Juli 1940: „Beim Warten auf den Wagen vor dem Unterstand schilderte er Hitler sein jüngstes >>Abenteuer<<.

Einige Tage zuvor war er in einem Lokal am Rhein gewesen. Alle Gäste seien aufgestanden, nur zwei katholische Priester nicht. „Denen habe ich es aber gezeigt. Ich habe sie ins KZ geschickt“, sagte Göring lachend. „Und habe befohlen, dort eine Stange mit einer alten Mütze von mir aufzustellen. Jetzt müssen sie jeden Tag daran vorbeimarschieren und den nationalsozialistischen Gruß üben.“

Hitler lachte und klopfte Göring wohlwollend auf die Schulter. Als es mit dem Spaß genug war, drückte Göring ihm die Hand, hob wichtig seinen Marschallstab, setzte sich in den Wagen und fuhr zu seinem Stabsquartier.


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Ein Bibelzitat: Christus hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war. [Kolosser 2, 14]




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