Weil sie Göring nicht grüßten ...

Ein Geheimdossier aus Russland bringt nach über 60 Jahren Licht in einen tragischen Vorfall

Von Albrecht Zutter und Richard Elsigk

Sieben Pflastersteine vor dem Bischöflichen Priesterseminar in Trier erinnern seit Ende Mai dieses Jahres an ehemalige Absolventen des Seminars, die als Priester Opfer des NS-Regimes wurden. Die kleinen messingbeschlagenen Steine mit den eingravierten Namen gehören zur Aktion „Stolpersteine“ des Kölner Künstlers Gunter Demnig. Einer der Steine trägt den Namen Johannes Schulz, ein weiterer den Namen Josef Zilliken. Das Schicksal dieser Priester, die beide mit unserer Region verbunden waren, rückt in diesen Tagen durch eine überraschende Entdeckung wieder ins Gedächtnis.
Johannes Schulz wurde 1884 im saarländischen Luisenthal geboren. Nach dem Abitur am Ludwigsgymnasium Saarbrücken studierte er am Priesterseminar in Trier, wo er 1911 zum Priester geweiht wurde. Danach war er Kaplan in Lebach und Wadgassen, war im Ersten Weltkrieg Divisionspfarrer und erhielt 1919 seine erste Pfarrstelle in Derlen. Nachdem es dort zu Konflikten mit Nationalsozialisten gekommen war, wurde er 1935 nach Nickenich am Laacher See versetzt.
Josef Zilliken wurde 1872 in Mayen geboren. Wie Schulz besuchte er in Trier das Priesterseminar. Nach der Priesterweihe 1898 verbrachte er viele Jahre in den saarländischen Gemeinden Sulzbach, Wolfersweiler und Thalexweiler und wurde dann Pfarrer in Prüm. Wegen seiner Probleme mit Nationalsozialisten wurde er 1938 nach Wassenach versetzt.
Ende Mai 1940 kam es in dem heute noch existierenden Ausflugslokal „Wald- frieden“ in der Nähe des Laacher Sees zu einer folgenschweren Begegnung.
Johannes Schulz und Josef Zilliken saßen an jenem Nachmittag auf der Terrasse des Gasthofs, als unvermutet der damalige Generalfeldmarschall Göring in Begleitung einiger Offiziere erschien, um ebenfalls dort Platz zu nehmen. Während die Ankömmlinge von den übrigen Gästen mit „Heil Hitler“ gegrüßt wurden, nahmen die beiden Pfarrer keine Notiz von Göring. Am Abend desselben Tages wurden beide von der Gestapo verhaftet; sie kamen ins Gefängnis nach Ander- nach, danach ins Konzentrationslager Buchenwald.

Bei unseren Recherchen (1) stießen wir vor einigen Jahren auf den Bericht einer Augenzeugin des Vorfalls. Sie zitiert die Bemerkung eines Offiziers aus der Begleitmannschaft Görings, wonach „der Generalfeldmarschall über das respekt- lose Benehmen der Priester verärgert“ war.
Dennoch bestanden bei uns Zweifel, ob die Verhaftung der Pfarrer auf Göring selber zurückging: Konnte eine Bagatelle wie das Nichtgrüßen tatsächlich derart massive Folgen haben? Oder sollten da doch persönliche Rechnungen aus der Vergangenheit beglichen werden? Schließlich war es zwischen örtlichen Partei- anhängern und den Pfarrern des öfteren zu Spannungen und Auseinanderset- zungen gekommen.

Nach über 60 Jahren nun werden von unerwarteter Seite her die Fragen beantwortet, indem eine bis dato unbekannte Quelle ans Licht kommt: die Verhörprotokolle des russischen Geheimdienstes.
1945 erteilte Stalin seinem Geheimdienst NKWD (2) (dem Vorgänger des KGB) den Auftrag, die Umstände des Todes von Hitler genauer zu untersuchen. Den Russen gelang es, am 2. Mai 1945 zwei Personen gefangen zu nehmen, die die letzten Tage Hitlers im Bunker der Reichskanzlei miterlebt hatten: den Persön- lichen Adjutanten Otto Günsche und den Kammerdiener Heinz Linge (3).
Sie wurden über drei Jahre hinweg vom Geheimdienst verhört, bevor die Proto- kolle 1949 Stalin vorgelegt wurden. Das Dossier, jahrzehntelang unter Ver- schluss, wurde jetzt geöffnet und auch ins Deutsche übersetzt. (4)
Eine Passage darin (5) berichtet über ein Treffen Hitlers mit Göring – es war nach seiner Rückkehr von einem Frontbesuch im nördlichen Frankreich im Juni 1940 -, bei dem sich Hitler „voller Verachtung“ über die Engländer auslässt. Der Bericht fährt fort:
„Auch Göring war in Hochstimmung. Beim Warten auf den Wagen vor dem Unterstand schilderte er Hitler sein jüngstes `Abenteuer`.
Einige Tage zuvor war er in einem Lokal am Rhein gewesen. Alle Gäste seien aufgestanden, nur zwei katholische Priester nicht. `Denen habe ich es aber gezeigt. Ich habe sie ins KZ geschickt`, sagte Göring lachend. `Und habe befohlen, dort eine Stange mit einer alten Mütze von mir aufzustellen. Jetzt müssen sie jeden Tag daran vorbeimarschieren und den nationalsozialistischen Gruß üben.`“

Unzweifelhaft handelt es sich bei den Pfarrern um Schulz und Zilliken. Gerade die „Grußübung“ schilderte auch ein Mithäftling der Pfarrer im KZ Buchenwald, Sales Hess. (6)
Die zitierte Passage, innerhalb der ganzen Protokolle nur eine Randnotiz, ist gleichwohl ein eindrucksvolles Dokument. Es belegt, dass tatsächlich Göring selbst der Initiator der Verhaftung der beiden Pfarrer war. Es belegt zugleich die Hybris und Skrupellosigkeit eines Mannes, der das Nichtgrüßen als eine Majestätsbeleidigung ansah, der aus gekränkter Eitelkeit heraus einen furchtbaren Racheakt unternahm und sich dessen noch rühmte.

Bittbriefe, 1940 von Verwandten der Inhaftierten an Göring (und an seine Frau) geschickt, blieben dementsprechend auch erfolglos. Schulz und Zilliken wurden im Dezember 1940 nach Dachau gebracht. Dort starben beide 1942 den Hungertod.

[Josef Zilliken wurde in Wassenach beigesetzt. Der Bürgermeister von Nickenich lehnte ein Begräbnis von Johannes Schulz auf dem dortigen Friedhof ab. Nach längeren Schwierigkeiten mit Behörden erhielt die Familie des Verstorbenen die Urne mit seiner Asche und bestattete sie in einem Familiengrab in Saarbrücken. Erst am 7. März 2004 wurde die Urne – auf Veranlassung des Derlener Dechants Hans-Georg Müller – nach Derlen, in die einstige Gemeinde von Pfarrer Schulz überführt und von Bischof Marx vor der Kirche St. Josef feierlich beigesetzt.]

Anmerkungen:
(1) Albrecht Zutter/Richard Elsigk: Weil er Göring nicht grüßte. Wassermann Verlag St. Ingbert
(2) Narodny Komissariat Wnutrennich Del = Volkskommissariat des Inneren der UdSSR
(3) Otto Günsche, geb. 1917, SS-Hauptsturmführer, verbrannte die Leichen von Hitler und Eva H. geb. Braun, bis 1956 in russischer Gefangenschaft, starb 2003 in Lohmar bei Köln. Heinz Linge, geb. 1913, Eintritt in die Leibstandarte-SS Adolf Hitler, von 1935 bis 1945 persönlicher Diener Hitlers, 1955 aus russischer Haft entlassen, starb 1980 in Bremen.
(4) H. Eberle und M. Uhl (Hg.): Das Buch Hitler. Aus dem Russischen von H. Ettinger. Lübbe Verlag
(5) S. 122f
(6) Sales Hess: Dachau, eine Welt ohne Gott, S. 193. Sebaldus Verlag Nürnberg


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